Herzlich Willkommen auf meiner Website. Ich bin Stephanie Schuster und Schriftstellerin, Illustratorin, Buchbloggerin und Dozentin für "literarisches Figurenaufstellen".

Hier schreibe ich über Bücher anderer Autoren, die mich begeistern, erstaunen, beschäftigen, inspirieren. Neuerscheinungen, Klassiker aus meinem Bücherregal. Gelegentlich auch über Enttäuschungen, Bücher, die zuviel versprochen haben. Aber wie immer gilt, jedes Buch schlage ich mit Neugier auf, bereit, in die Geschichte oder die Bilder einzutauchen...



Es handelt sich um (unbezahlte) Werbung für Bücher, gelegentlich erhalte ich ein Rezensionsexemplar der Verlage. Ansonsten kaufe ich die Bücher in meinen Lieblingsbuchhandlungen. Die Verlinkungen zu den Infoseiten sind § 2 Nr. 5 TMG gekennzeichnet.


Volker Weidermann
Das Duell
Die Geschichte von Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki

Sie lesen sich so spannend wie ein Roman, die Lebensgeschichten der beiden literarischen Größen. Der eine, Günter Grass, als Literaturnobelpreisträger, der andere, Marcel Reich-Ranicki, als Literaturkritiker mit markanter Stimme und herrischem Tonfall, der Gründer des „literarischen Quartetts“, das in den 90er Jahren im Fernsehen Kultstatus hatte. Der Autor dieses Buches, Volker Weidermann leitet nun selbst seit ein paar Jahren das „Literarische Quartett“ im ZDF, bespricht mit seinen Kollegen die Bücher anderer. Und er schreibt selbst, nicht nur irgendwie, sondern sehr besonders, sodass ich mich schon immer auf jedes Buch von ihm freue. Wie auch schon „Die Träumer“, um die Münchner Räterepublik, begeistert mich auch „Das Duell“, in seiner kunstvollen Form und bilderreichen, sinnlichen Schilderung. Günter Grass wird in den Sog des Nationalsozialismus hineingerissen, und obwohl eigentlich noch zu jung, Mitglied in der SS. Wir begleiten ihn von der Kindheit bis dahin, erfahren, dass er sich gegen Ende seines Lebens wohl noch so sehr dafür schämt, und deswegen in seine Autobiografie nur von sich in der dritten Person davon erzählen kann. Reich-Ranicki ist Jude, entkommt mit seiner Frau nur knapp dem Warschauer Ghetto. Zuvor tippt er noch als Schreibkraft das Todesurteil für alle Ghettobewohner. Wie wurden die beiden wer sie sind, und wie kam es zu dem titelgebenden „Duell“. Sie hassten sich zeitlebens und konnten doch nicht ohne einander. Volker Weidermanns Sprache lässt den Leser tief eintauchen und mitfühlen, so erfährt man nicht nur viel über diese beiden Männer und ihre literarische „Zwangsehe“, sondern auch über deutsche Geschichte im Allgemeinen, und das auf sehr berührende Weise. Das ist große Erzählkunst und eine literarische Perle!
 
Buchinfos und Link zur Verlagsseite: Kiepenheuer & Witsch Verlag, Hardcover, 320 Seiten




Jan Peter Bremer
Der junge Doktorand
Roman

Wann taucht er denn endlich auf, der viel heißbegehrte junge Doktorand, den die Erzählerin Natascha so sehnlichst erwartet. Viele Male hat er kurzfristig abgesagt, was sie scheinbar nicht nur ihren Nachbarinnen, sondern auch vor sich selbst rechtfertigen muss. Das führt zu grotesken Schilderungen und hat viel Sprachwitz. „Wie ein Vogel, dessen Lebensfreude auf einen schönen Ruf hin plötzlich wieder erwacht, so war sie einfach losgeflogen und hatte sich von der Monotonie und der steten Langeweile in diesem Haus befreit.“ Das Haus ist eine alte Mühle, die sie mit ihrem Mann, einem Maler, bewohnt. Von ihm hat sie sich nicht nur innerlich entfernt, auch im ganz konkreten Sinne, „sodass sie regelrecht zusammenschrak, wenn sie durch einen zufälligen Augenaufschlag zu ihm hin, bemerkte, dass er noch immer vor ihr in seinem Sessel saß.“ Der Doktorand soll also frischen Wind in diese fast verwehte Ehe bringen. Ob es ihm gelingt? Und wie ist er überhaupt, der Heißersehnte? Alles kommt anders als erwartet, Geheimnisse lichten sich und lange Verschwiegenes wird endlich ausgesprochen. Vergnüglich, kurzweilig und poetisch. Jan Peter Bremer ist ein meisterhafter Beobachter der kleinsten Nuancen im Beziehungsgeflecht. Mit dem „jungen Doktorand“ ist ihm ein Kabinettstück der Situationskomik gelungen.  








Peter Wohlleben
Das geheime Band zwischen Mensch und Natur
Erstaunliche Erkenntnisse über die 7 Sinne des Menschen, den Herzschlag der Bäume und die Frage, ob Pflanzen ein Bewusstsein haben

Natur auf Rezept. Der Mensch ist mittlerweile so weit weg vom Wald und dem Bezug zur Natur, dass man, überspitzt geschrieben, sich bald einen Waldspaziergang auf Rezept erhält, wenn chemische Medikamente nicht mehr helfen. Peter Wohlleben schreibt im Vorwort zu seinem neuen Buch von der Renaissance des Naturerlebens. Waldbaden & Co. Doch wie immer ist er kein Schwarzmaler, sondern sieht im Klimawandel auch eine Chance, sich zurückzuerinnern und endlich das zu sehen und zu erleben, was es noch gibt: Nämlich intakte Wälder und die Natur um uns herum. Was mir besonders gefällt, ist der sinnliche Spaziergang mit Hilfe dieses Buches. Wir hören, riechen, schmecken, tasten und sehen uns durch den Wald. Es beginnt mit den Farben. Grün, logisch, als erstes, dann appelliert er an unser Gehör, bzw. testet es und bringt Erstaunliches zu Tage. Es geht weiter in unseren Körper und wieder zurück auf Tuchfühlung mit den Bäumen und der Reiseaktivität der Regenwürmer. Und es gibt tatsächlich eine Waldapotheke, ein Erste-Hilfe-Kasten aus der Natur, der hier vorgestellt wird. Aber auch die Bäume brauchen manchmal Hilfe, und Peter Wohlleben sagt wie. Zum Schluss appelliert er an eine Kehrtwende nicht des Verstandes, sondern mit dem Herzen, also unserem Gefühl. Denn Bäume sind wie Wale und Elefanten zu großer Empathie fähig, und das sind wir Menschen doch eigentlich auch.  






Kai Kupferschmidt
BLAU
Wie die Schönheit in die Welt kommt
Sachbuch (ganz in Blau)

Die Hälfte der Menschen bezeichnen (laut einer Umfrage) Blau als ihre Lieblingsfarbe. Zum Vergleich: Knapp 20 Prozent bevorzugen Grün, je acht Prozent Weiß oder Rot. Blau in allen Schattierungen ist die häufigste getragene Modefarbe – und die "Blue Jeans" das meistverkaufte Kleidungsstück. (Quelle: Geolino) So hat der Autor mit diesem wunderschön gestalteten Buch also mindestens eine Hälfte aller Leser gewonnen. Der Rest ist leicht zu überzeugen, denn dieses Buch ist ein Magnet. Gefüllt mit Geschichte und Geschichten, Anekdoten rund um die Farbe Blau, die Himmel und Meer widerspiegelt, gibt uns Kai Kupferschmidt ein Fundus an Schönheit, zum Eintauchen und Abtauchen in die einst kostbarste Farbe von allen. Schließlich und damit beginnt das Buch, leben wir auf dem blauen Planeten. Blaupigmente, Experimente mit Blau, Blaulicht (Tatütata), Zitate mit Blau, kulturelle und literarische Bezüge zu Blau (Auf der Suche nach der blauen Blume) und vieles mehr. Strukturiert in wenige Kapitel mit schönen Fotos und (natürlich) blauen Kapiteltrennern sehen wir, dank des Autors und der großartigen Gestalter des Hoffmann und Campe Verlags nicht nur „ins Blaue“, sondern durch den Blickwinkel einer Lieblingsfarbe lernen wir mehr über diese Welt, und was sie im Innersten zusammenhält.








R. R. Sul
Das Erbe
Roman

Ein Großvater hinterlässt seinem Enkel eine Blechkiste, darin zweihunderteinundzwanzig Seiten seines Lebens und ein paar andere Dinge, die er für wichtig hielt. Großvater Wolf fing Gesichter ein wie andere Tiere. Wir Leser sind bald die Stellvertreter für Karlchen, eben jenen Enkel, an den sich das Buch richtet. Und um Stellvertreter, also Geschichten in der Geschichte geht es auch in diesem Roman eines Autors, der anonym bleiben will. Um das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom, an dem die Mutter des Ich-Erzählers leidet. Das schlichtschwarze Buchcover mit der kupferfarbenen Titelschrift, die ganze geheimnisvolle Aufmachung assoziieren ein verstörende Familiendrama oder ein düsteres Geheimnis. Es beginnt in der Tat verstörend. Als Kind schläft der Ich-Erzähler tagsüber und ist nachts wach, weil seine Mutter glaubt, Tageslicht würde ihn krank machen. Wächst auf in der Dunkelheit, zwischen Angst, Einsamkeit und Gewalt. Spielt manchmal allein auf einem kinderleeren Spielplatz. Als er älter wird, soll ihn teure Sonnenschutzcreme und ein Motorradhelm gegen die UV-Strahlung schützen. Die Fenster seines Elternhauses sind mit einer speziellen Folie abgeklebt. Seine einzigen Freunde sind zwei Spinnen in seinem Zimmer, die er erschlägt, als sie ihn ignorieren. Dies alles berichtet er in stakkatohaft kurzen Sätzen, fast atemlos. Doch der Roman endet nicht in der Kindheit, ist keine Flucht oder Aufbäumen, auch keine richtige Auseinandersetzung. Der Erzähler nimmt die Ereignisse hin und hakt sie ab, das Gute wie das Schlechte. Alles was geschieht, geschieht eben. Es gibt eben Liebe und auch den Tod. Erst als es um seine eigenen Söhne geht, wird er wachgerüttelt und hadert mit seinem Erbe, das Folgen für die nächste und übernächste Generation hat. Am Ende lichtet sich „das Erbe“ und bietet Wendungen, die man am Anfang nicht vermutet hat.
Ein Roman mit Sogwirkung, der schnörkellos erzählt ist, aber lange nachwirkt.








Deana Zinßmeister

Die Farbe des Goldes

historischer Roman


Ein mit Blattgold verzierter Galgen wartet auf den Alchemisten. Wird er hängen, weil er trotz vieler Versuche und Verschwendung von wertvollem Eisenerz geschafft hat, Gold herzustellen? Gleich zu Beginn wirft die Autorin neugierig machende Fragen auf und entführt den Leser in die Gegend um Stuttgart, im Jahr 1605. Vier charakterlich sehr unterschiedliche Hauptfiguren treffen im Laufe des Romans aufeinander und verbinden sich zu einer Geschichte. Die junge Elisabeth, die ihrem hartherzigen Elternhaus entfliehen will, der arrogante Herrscher Georg, der den Namen seines besten Freundes und Cousins benutzt, um unerkannt zu bleiben. Frédéric, der sich als Bastard bei Hofe behaupten muss und trotz allem versucht das Richtige zu tun. Und der Alchimist Johannes Keilholz, den es an den Württembergischen Hof verschlägt, um Gold herzustellen. Gold spielt hier nicht nur als Edelmetall eine Rolle, es steht auch als Sinnbild für das Wichtigste im Leben der Figuren. Wendungsreich und spannend bis zur letzten Seite, zieht Deana Zinßmeister mit ihrem neuesten historischen Roman wieder in den Bann. Das ist ein großes Lesevergnügen!  


Eduardo Halfon

Duell

Roman

Der Erzählton ist distanziert, kaum wörtliche Rede, alles scheint aus der Erinnerung heraus aufgeschrieben und doch reist der Ich-Erzähler zugleich die Schauplätze seiner Kindheit ab, um sich auf die Spurensuche eines ertrunkenen Kindes namens Salomon zu machen. Seine polnisch-libanesische Familie ist vor allem jüdisch und den Gräueltaten des Nationalsozialismus entkommen und redet bei diesem Kind „Salomon“ ständig um den heißen Brei. Anders, als das Cover vermuten lässt, spielt der etwas über hundert Seiten kurze Roman hauptsächlich in Guatemala, wo auch der Ich-Erzähler aufwuchs. Vom Himmel fliegende Kühe, eine Heilerin, die die Einheimischen „Einreiberin“ nennen und die in einem langen Teil von vielen, vielen „Salomons“ erzählt, die alle ertrunken sind, lassen einen Hauch magischen Realismus anklingen, den ich als deutsche Leserin mit Lateinamerika verbinde. Alles in allem war mir die Geschichte zu nüchtern und zusammenfassend erzählt, sodass ich nur wenige berührende Momente darin gefunden habe. Leider entschwindet so nach dem Lesen sofort die Erinnerung an die Geschichte, aber vielleicht lag das ja in der Absicht des Autors. Auch Roman sind flüchtig, versuchen nur ein Duell zwischen Wahrheit und Erfindung.  






Florian Valerius,  Mareike Fallwicklillustriert von Franziska Misselwitz

Leseglück

99 Bücher, die gute Laune machen

"Wenn's mir schlecht geht, geh ich nicht in die Apotheke, sondern zu meinem Buchhändler", sagt Philip Dijan. Und wenn man das tut, erhält man vielleicht neuerdings Florian Valerius und Mareike Fallwickls gemeinsames "Leseglück"- Büchlein. Es macht wirklich gute Laune und passt sogar mit in den Erste-Hilfe-Kasten. Zitate, Leselisten, Hashtag-Tipps und vieles mehr. Toll illustriert von Franziska Misselwitz. Aber Vorsicht, hinterher braucht man ein neues Bücherregal!

Buchinfos und Link zur Verlagsseite: 
Verlag Ars-Edition. Softcover, 144 Seiten







Doris Dörrie
Leben, Schreiben, Atmen
Eine Einladung zum Schreiben

Schreiben Sie über Verlorenes. Wann ist etwas wirklich verloren? Was hast du verloren und wiedergefunden? Was für immer verloren? Was vermisst Du? …“ Sind damit verlorene Dinge oder eine verlorene Liebe gemeint? Sowohl, als auch. Doris Dörrie erzählt von ihrer Mutter, die ihren Ehering verlor und erst Jahrzehnte später wiederfand. Von einem verlorenen Milchzahn und anderen Dingen, aber auch vom tragischen Verlust ihres Mannes. Obwohl ich dachte, dass über das Schreiben schon alles gesagt wurde, freue ich mich über dieses sehr schön gemachte neue Buch. Die bekannte Filmemacherin und Autorin Doris Dörrie lehrt seit zwanzig Jahren kreatives Schreiben an der Filmhochschule München. Und diese langjährige Erfahrung als Dozentin und Selbstschreibende merkt man ihr an. Sie geht spielerisch an die Sache, regt vor allem zum Mit-der-Hand-schreiben an. Dabei gibt sie Einblicke in ihr Leben und in ihrer Schreibbiografie und hat am Ende jedes Kapitels einen Tipp, wie man selbst zu Stift und Notizbuch greifen kann. Diese Mischung aus Autobiografie und Schreibratgeber macht großen Spaß zu Lesen, aber vor allem große Lust aufs Schreiben.

Hardcover, Diogenes Verlag, 288 Seiten



Harald Jähner
Wolfszeit
Deutschland und die Deutschen, 1945 – 1955

Eine Seiltänzerin balanciert über einer zerbombten Stadt. Das Foto auf der ersten Seite dieses Buches fasst die Epoche, um die es geht, ohne Worte zusammen. Manche nannten die Zeit kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs „Niemandszeit“, andere sprachen von der „Wolfszeit“. Denn jeder kümmerte sich nur um sich selbst oder seine Familie, (sofern noch vorhanden), wie Wölfe mit ihrem Rudel. Das mit dem Leipziger Buchpreis gekrönte Sachbuch beleuchtet eine rel. unbekannte Zeit, die für uns Nachgeborene als Zeit des Wiederaufbaus bis zum Wirtschaftswunder gilt. Über die Hälfte der Menschen in Deutschland waren nach dem Krieg nicht dort, wo sie hingehörten oder hinwollten, darunter neun Millionen Ausgebombte und Evakuierte, vierzehn Millionen Flüchtlinge und Vertriebene, zehn Millionen entlassene Zwangsarbeiter und Häftlinge, Abermillionen nach und nach zurückkehrende Kriegsgefangene. Was aus diesen Menschen wurde, wie sie neu zusammenfanden, davon erzählt Harald Jähner spannend und berührend. Warum sehnten sich viele nach genau dieser „Wolfszeit“ zurück? Was geschah in der „Stunde Null“, als der Krieg endlich vorbei war? Das Kriegsende wurde verschoben, wie wir nun erfahren, weder die Stunde noch der Tag standen genau fest. Erst im Rückblick einigte man sich auf ein Datum. Während die einen also noch Panzersperren bauten und dem „Führer“ treu blieben, hängten andere bereits weiße Fahnen heraus. Und als auch der letzte begriff, dass das „Dritte Reich“ nicht mehr existierte, wie erging es dann den vielen Heimatlosen? Wie fasste man wieder Fuß? Wie lebte man mit der Schuld? Aber auch ganz praktisch gedacht: Wer räumte den Schutt der zerbombten Städte auf? Waren das tatsächlich die Trümmerfrauen? Die Alliierten zwangen Nationalsozialisten dazu, aber die allein schafften das nicht. Fachpersonal musste her. Nur in Berlin waren es überwiegend die Frauen, da dort besonders viel Männermangel herrschte. Woher kam die Lebensfreude, die wir spüren, wenn wir Filme und Musik der 50er Jahre sehen und hören? Der Autor erzählt von Unbekannten und Prominenten, Kulturschaffenden und Otto Normalverbrauchern. Vom beginnenden Kalten Krieg und dem Design der Demokratie bis zum Klang der Verdrängung. Erhellt wird das Ganze mit Ausschnitten aus Zeitzeugenberichte und zahlreichen Fotos.
Ein großartiges Buch zum Eintauchen und Verstehen der Generation unserer Großeltern und Eltern, damit unsere Wurzeln bis zu uns selbst.   





Ferdinand von Schirach
Kaffee und Zigaretten

Sein persönlichstes Buch heißt es laut Ankündigung des Verlags, also wurde ich neugierig, was Herr von Schirach über sich preisgibt. Ich vermutete, dass er stark raucht und viel Kaffee trinkt, wie der Titel sagt. Aber nichts dergleichen. Vielleicht hat er bei diesen Stimulantien geschrieben. Ich kann mich jedenfalls gar nicht erinnern, ob die Figuren oder der Ich-Erzähler raucht. Zwischen den Erinnerungen stehen spannende Gerichtsfälle. Diese Mischung ergibt sich, weil einige der Texte schon mal in Zeitschriften erschienen sind.
Die Miniaturen sind wieder sehr originell und lesen sich in einem Rutsch weg, doch das habe ich nicht gemacht, damit ich das Buch mehr genießen konnte. Berührende, spannende, verblüffende Geschichten mit ein wenig Autobiografie des Autors. Alles in allem, hat es wieder großen Spaß gemacht den neuen Schirach zu lesen! Und kaum hat man zu Ende gelesen, möchte man sofort wieder vorne anfangen, denn viele der Texte regen zum Nachdenken an.

Buchinfos: 192 S., Hardcover, Luchterhand Verlag, Link zur Leseprobe



Nicola Bardola
Elena Ferrante – meine geniale Autorin

Die Weltbestseller-Reihe und der Kult um die geheimnisvolle Autorin Elena Ferrante bringen auch weitere Bücher rund um die Autorin hervor. Dieses sehr schön gemachte Buch stammt vom besten Kenner ihres Gesamtwerkes: Nicola Bardola. Er schenkt uns Leserinnen besondere Einblicke in all ihre Bücher und teilt mit uns seine Gedanken zu ihrem Werk. Dabei widmet er sich ihrem Debüt und den drei folgenden Romanen, dann einem Kinderbuch bis zu der berühmten Tetralogie, zeigt Themen und Motive auf. Er geht sehr genau auf die Figurenzeichnung, die Erzählerstimme und die Sprache ein. Das ist sehr detailverliebt, aber auch spannend-unterhaltsam. Man merkt Bardola die große Begeisterung an, mit der er die Kenntnisse aller Ferrante-Fans bereichert. Denn ihre Romane sind autobiografischer als vermutet. Illustriert ist das Buch mit Fotos der Schauplätze und Hintergrundmaterial, z. B. die Covergestaltungen. So macht Nicola Bardola Lust Ferrantes Gesamtwerk zu lesen.

Weitere Infos zum Buch und dem Autor, samt Leseprobe, Reclam Verlag, 311 S., 59 Farbabb., Hardcover.



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Ich bin Stephanie Schuster und Schriftstellerin, Illustratorin, Buchbloggerin 



Der Augenblick der Zeit

von Stephanie Schuster


Wer war „La bella principessa“?


Ina Kosmos ist Expertin für Farben, eigentlich will sie selbst Künstlerin sein. Aber sie leidet seit zehn Jahren an einer Blockade, kann nicht zeichnen und malen und hat sich ganz auf die Förderung anderer Künstler spezialisiert. Als sie gezwungen ist, ihre Galerie aufzugeben, bricht für sie eine Welt zusammen. Sie erhofft sich Trost bei ihrem Freund, dem Kunstfälscher Zack Eisenfell, stattdessen versucht er sie zu überreden, in sein Geschäft einzusteigen. Da entdeckt Ina bei einer Auktion in London ein Frauenporträt, in dem sie einen noch unbekannten Leonardo da Vinci vermutet. Sie wird überboten, setzt aber fortan alles daran, das Bild zu finden und Leonardos Urheberschaft zu beweisen. Fünfhundert Jahre früher erlebt Georg Tannstetter, Sterndeuter und angehender Leibarzt des Kaisers Maximilian I., die Entstehung des Bildes am Mailänder Hof, an dem auch Leonardo da Vinci Hofkünstler ist. Allerdings wird Tannstetter von der Herzogsfamilie getäuscht und braucht viele Jahre, um dem Geheimnis des Porträts auf die Spur zu kommen.

Ein atmosphärischer, inspirierender, farbenprächtiger Roman über den Kosmos der schönen Künste und die Kraft der Kreativität.



Nach vielen Jahren mit verschiedenen Pseudonymen veröffentliche ich mit 
"Der Augenblick der Zeitmeinen ersten Roman unter meinem richtigen Namen. Das Buch ist eng mit meinem eigenen Leben verwoben, denn es geht um Kunst. Auf Grund der Recherche besitze ich nun viele Regalmeter mehr, vollgestopft mit Büchern über die Renaissance, Leonardo da Vinci, die Farbenherstellung usw. Das Schönste beim Schreiben dieses Romans aber war, dass ich dadurch wieder zu meiner eigenen Malerei zurückgefunden habe. Schließlich begann meine Biografie mit der Kunst. Im Roman geht es um ein bis heute in seiner Echtheit umstrittenes Gemälde von Leonardo da Vinci. La bella prinicipessa. Zur Recherche war ich mit meinem Mann zusammen in Mailand, wo der "Uomo Universale" viele Jahre als Hofkünstler der Sforzas verbracht hat. 







Agnès Poirier

An den Ufern der Seine
Die magischen Jahre von Paris 1940 – 1950

übersetzt von Monika Köpfer


Das Buch erzählt von Menschen, die zwischen 1905 und 1930 geboren wurden und zwischen 1940 und 1950 in Paris lebten, liebten, sich amüsierten, stritten und entfalteten, und deren intellektuelles und künstlerisches Schaffen noch heute unser Denken und unsere Lebensweise, ja selbst die Art, wie wir uns kleiden, beeinflusst. So fasst die Autorin selbst in ihrer Einleitung das Buch zusammen und lädt damit von der ersten Seite an zum Schwelgen und Staunen ein, was ihr auf großartige Weise gelingt. Denn Agnès Poirier stellt die Erlebnisse der einzelnen Menschen nicht chronologisch hintereinander, sondern nebeneinander. Was machte Picasso als Deutschland Paris besetzte und was machten Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre zur selben Zeit? Wie verhielt sich die Pariser Bevölkerung in Erwartung des Feindes? Was geschah mit den Kunstwerken im Louvre? Diese eigentlich sehr düstere Zeit wird durch die „magische“ Erzählweise überraschend hell und lebendig. Viele große Namen werden hier verknüpft, als kreise man beim Lesen über Paris und könnte mit mikroskopischem Blick alles auf einmal erfassen. Wenig bekannte Episoden aus dem Leben der Künstler, Musiker, Schriftsteller, Maler und Politiker blitzen auf und werden in den historischen Kontext gestellt. Das liest sich sehr spannend. Ich wusste z. B. nicht, dass Paris so gut wie verlassen war, als die deutschen Besatzer 1940 ankamen und Hitler vor dem Eiffelturm posierte. Im deutschen Geschichtsbild hatten die Franzosen Paris widerstandslos übergeben, um eine Zerstörung zu vermeiden. Nun beleuchtet dieses Buch die französische Sicht mit für mich verblüffend neuen Erkenntnissen. Zu Recht bezeichnet die Autorin ihr Buch als ein Kaleidoskop von Schicksalen und als erzählerisches Porträt des Pariser Lebens in der Spanne des Zweiten Weltkriegs. Aber auch über diese Zeit hinaus, hat man nach der Lektüre sofort Lust den ein oder anderen Künstler (wieder) zu entdecken. Vorangestellt ist eine Chronologie der Ereignisse von 1939 – 1949, eine Liste der handelnden Personen und eine Karte von Paris mit den Schauplätzen. Zitate aus Tagebucheinträge und Fotos runden das Ganze ab. Und auch dem Verlag gilt ein großes Lob für die schöne Gestaltung des Buches, besonders das Lesebändchen in den Farben der Trikolore ist eine nette Überraschung.




Markus Gasser
Die Launen der Liebe
Wahre Geschichten von Büchern und Leidenschaften

Wie viel Leben der Autoren steckt in ihren Romanen. Wie lebten, liebten und litten diese Größen der Literatur? Markus Gasser erhellt die Hintergründe zur Entstehung von Weltliteratur. So stellt er Janet Frame vor, die großartige Schriftstellerin aus Neuseeland, die man mit Schizophrenie falsch diagnostizierte und die lernen musste mit dem Alleinsein zurechtzukommen. Er erzählt von der schmerzhaften Liebe zwischen Vladimir Nabokov und seiner Frau Verá, ohne ihrer katastrophalen Beziehung wäre keiner von Nabokovs Romanen geschrieben worden. Und er versucht die komplizierte Beziehung zwischen Sylvia Plath und Ted Hughes zu entwirren, die als Dichterehe begann und im Selbstmord von Sylvia Plath endete. Einsamkeit, Paarbeziehung oder auch manchmal auch Dreier-  und Viererkonstellationen bekannter Schriftsteller (und einem Musikerpaar) bereichern das neue Buch des Literaturkritikers und Essayisten, der auch  über seinen wunderbar gestalteten Youtube-Kanal „Literatur ist alles“ bekannt ist. Zeitlich geht er bis zum Verhältnis von Goethe mit Bettine von Arnim zurück, den Brontë -Schwestern und Lord Byron und springt vor bis zu Gabriel García Márquez, John Lennon und weiteren mehr. Biografische Episoden werden hier aus überraschend neuem Blickwinkel und in neuen Zusammenhängen erzählt.  
Im Anhang erläutert Markus Gasser noch seine Recherche und schenkt uns Lesern damit eine Fülle an ergänzendem Material. Hinterher ist man bereit für Wieder- oder Neuentdeckungen der Literatur.

Weitere Infos zum Buch und der Autor: Hanser Verlag, S. Hardcover.




Rebellische Frauen
Graphic Novel
Text: Marta Breen
Illustration Jenny Jordahl

Zum internationalen Weltfrauentag am 8. März 2019 jährt sich der Kampf um Freiheit, Gleichheit und Schwesterlichkeit zum hundertfünfzigsten Mal. Zwei engagierte Norwegerinnen zeigen in diesem wunderschönen Buch die Geschichte der Emanzipation und erzählen dabei individuelle Geschichten von bedeutenden Frauen, die nicht vergessen werden dürfen. Unter Einsatz von Leib und Leben kämpften sie für uns. Vor hundertfünfzig Jahren waren die Frauen unmündig wie ein Kind oder ein Sklave, der Vater bestimmte über die Tochter, bis sie heiratete, dann übernahm der Ehemann. Das wird gleich von der großartigen Illustratorin Jenny Jordahl drastisch verbildlicht. Der Vater schiebt die Tochter wie ein willenloses Ding zum Ehemann und der Pfarrer ermahnt sie bei der Hochzeit ihrem Mann unterwürfig zu sein.  Beim allerersten Kongress, bei dem gegen die Sklaverei verhandelt wurde, begehrten auch zwei amerikanische Frauen auf, als sie nicht mitbestimmen durften.  Dann geht es mitten in die gewaltsame Welt einer Sklavin, Harriet Tubman arbeitete nach ihrer leidvollen Befreiung aus der Sklaverei als Fluchthelferin, obwohl ein sehr hohes Kopfgeld auf sie ausgesetzt war. Mit wenigen sehr gekonnten Strichen und Sätzen sind die Biografien in Szenen gesetzt, anfangs in blau-schwarz Tönen, später, als sich die Welt lichtet wechseln die Hintergrundfarben. Die Comicseiten sind nie überladen, sondern lassen Raum, alles zu erfassen. Beim Lesen und Betrachten wird man bekannte und unbekannte Lebensgeschichten erfahren, von Rosa Luxemburg bis Malala. Man spürt den Mut, die Kraft und Stärke, die es kostete, das zu erreichen, was für uns heute selbstverständlich ist. Das Recht auf Bildung, Arbeit, eigenes Einkommen oder auch das Recht, über den eigenen Körper bestimmen zu dürfen. Auch wenn es weltweit und nah immer noch Unterdrückung und Unrecht gibt, ist dieses Buch ein Appell an uns alle, weiterhin für Gleichberechtigung und Freiheit einzustehen und nicht den Mund zu verschließen.  




Volker Hage

Des Lebens fünfter Akt

Roman

Beim Erobern der Schriftsteller der klassischen Moderne bin ich immer wieder auf den Wiener Arthur Schnitzler gestoßen. Entweder werden seine Stoffe als Vorlage für Filme verwendet (Traumnovelle für z. B. Eyes Wide Shut) oder er wird bei anderen Autoren des frühen 20. Jahrhunderts erwähnt. Bis ich endlich selbst etwas von ihm las und erstaunt war, wie „modern“ und damit zeitlos Schnitzler schreibt und welch grandioser Beobachter er ist. Seine Figuren handeln, sind in ihrem Umfeld verankert, es gibt keine belehrenden Passagen, sondern spannende Geschichten von interessanten Menschen. Darum wurde ich sehr neugierig, als ich von Volker Hages neuem Roman hörte, der innerhalb Schnitzlers letzten drei Lebensjahre spielt.

Hage ist nicht nur Literaturkritiker und hat über berühmte Autoren geschrieben, er beschäftigte sich auch mit der Literatur im zweiten Weltkrieg (in seinem Werk: „Die Literaten und der Luftkrieg“), und dies ist nun sein zweiter Roman. Hier schreibt also jemand, der durchdrungen von Literatur ist, der die Zeit in der Arthur Schnitzler lebte von mehreren Seiten betrachtet hat. Zusätzlich konnte er für dieses Buch erstmals die Tagebücher von Schnitzlers Tochter verwenden, was einen wichtigen Teil des Romans ausmacht. Schnitzler war ein akribischer Tagebuchschreiber und verfügte, dass man sie nach seinem Tod unverändert und komplett veröffentlicht. Darum sind sie heute als zehnbändige Reihe mit fast fünftausend Seiten zu haben.

Aber nun zu Hages Roman: Er berührt von der ersten Seite an, durch seine feinfühlige, klare Sprache sind wir Leser sofort dicht an Arthur Schnitzlers Seite und erleben wie er vom Selbstmord seiner Tochter erfährt. Erst hält der Sechsundsechzigjährige es noch für einen Unfall, die Achtzehnjährige war doch so glücklich verheiratet in Venedig. Was war passiert? Also macht er sich mit seiner Exfrau Olga auf die Reise und schottet sich danach nach außen hin ab, um sich innerlich mit den Tagebüchern seiner Tochter auseinanderzusetzen. Gab es Anzeichen für eine Depression? Wie sehr war er als Schriftsteller-Vater Vorbild für sein Kind? Mit wenigen Sätzen fängt Hage sehr gekonnt mehrere Leben ein. Wie weiterleben und dem Alter mit seinen zunehmenden Einschränkungen, aber auch den Angehörigen gerecht werden, nach so einem Schicksalsschlag? Schnitzler bleiben die Frauen, die Geliebten, die Ehefrauen und auch der Sohn, aber kann er ihnen noch gerecht werden, jetzt, nachdem Lili tot ist? Die Tagebücher und die Briefe helfen ihm dabei, seine Erinnerungen aufzufrischen und zugleich zu bewahren. Aber: „Was nützte all seine Liebe, wenn sie nicht ausgereicht hat?“ (Zitat S. 54) Dazu kommt, dass er als Jude zunehmender Feindlichkeit in Wien ausgesetzt ist, als der Antisemitismus in den 20er und 30er Jahren auch in Österreich Politik wird.

Ein großartiges Buch, dass Einblick in die Seele eines bedeutenden Künstlers gibt,  dank Volker Hage erleben wir, wie Kreativität aus Liebe entsteht mit all seinen Schatten und Lichtseiten.
Im Abspann werden die agierenden Personen aus Schnitzlers Umfeld ausführlich vorgestellt. Das bereichert und lädt ein, Arthur Schnitzler zu lesen. 






Kristen Roupenian
Cat Person
Storys
Übersetzt von Nella Beljan und Friederike Schilbach

Die zwölf Kurzgeschichten beginnen oft harmlos, klare Worte im Heute, ein „Ich“ oder „Wir“ erzählen. Doch schon nach wenigen Sätzen ist man mittendrin, Roupenians Storys ziehen die Leserin mit magnetischer Wucht ins Buch, drehen sich um hundertachtzig Grad und packen bis zum letzten Punkt. Es geht um Beziehungen, die sich wie Gespenstergeschichten lesen.  In der ersten Geschichte „Böser Junge“ erzählen „Wir“ von unserem Freund. Als er sich bei „uns“ einquartiert, werden wir ihn bald überdrüssig und fangen an, ihn zu schikanieren. Dann gibt es kein Zurück mehr. Oder die gruselige Geschichte vom „Nachtläuferin“, aus der Sicht eines Lehrers erzählt, der in einem kenianischen Dorf zu unterrichten versucht. Am Ende weiß man nicht mehr, was ist Realität, und was ist afrikanischer Zauber, oder gibt es da keinen Unterschied? Oder die Geschichte von Jessica, einer Zwölfjährigen, die eine Beziehung mit einem Obdachlosen anfängt. Wir verstehen die Faszination des Mädchens für den viel älteren Mann und spüren auch ihren Ekel und auch warum sie es vor ihren Eltern verheimlicht. Wäre da nicht die Einleitung, 24 Jahre nach den Manson-Morden… Spannend wie Krimis, hervorragend geschrieben, präsentiert uns die Autorin lauter Einzelstücke, die   perfekt komponiert wurden. Sie versetzen in Staunen und regen auch noch lange nach dem Lesen zum Nachdenken an.









Monja BeckerRaissa KopecekCharlott RichterSimone GroßAnne BrosziesSandy SeidelChristine LeineweberVeronika KilcherMarieke Krater,  Olivia Vogel 


Der praktische Guide für dein ganz persönliches Bullet Journal.
Das große Blogger-Buch: Bullet-Journaling-Expertinnen verraten ihre besten Tipps & Tricks. 

Für alle Fans der originellen Kalendergestaltung gibt es jetzt ein neues Buch, prall gefüllt mit Anregungen von erfahrenen Bullet Journal Gestalterinnen der Bloggerszene. Nach einer kurzen Einführung für Neulinge, in der sehr übersichtlich erklärt wird, was ein Bullet Journal ist und wie es den Alltag bereichern kann, legen die verschiedenen Bloggerinnen mit ihren ganz persönlichen Stilen los und zeigen ihre Gestaltungsmethoden. Schritt für Schritt Anleitungen und Vorlagen helfen auch Anfängern zu Wow-Erlebnissen.  

Zu Beginn erzählt jede Bloggerin, wie sie zum Bullet Journal kam und was es ihr bringt. Als erstes stellt Monja alias @jane_carrot ihre dezente Blätter- und Blütengestaltung um die Einträge vor, zum Nachmachen für jedefrau. Wunderschön ist dabei ihre Geburtstagskalenderseite! Dabei gibt sie persönliche Tipps, was ihr wichtig in einem Bullet Journal ist.
Minimalistisch in Schwarz-weiß und an den Erfinder des Bullet Journals @Ryder Carroll (dessen Buch ich weiter unten auf www.leselieben.de  vorgestellt habe) erinnernd zeigt Sandy alias @wolkenmeere ihre Seiten. Erweitert durch eine Leseliste (Was ich alles noch lesen will oder gelesen habe) und seinen Serien-Tracker (Was ich auf Netflix und Co anschaue zum Merken).
Kreativ und verspielt geht es weiter mit Charlott @kirbycat.bujo : Zart gezeichnete Federn, Traumfänger oder Glühbirnen als Stimmungs- Gesundheits- oder Gewohnheitskalender. Als Anregung findet man in ihrem Bullet Journal wunderschön geschriebene Zitate.
Marieke alias @bulletjournalbymarieke widmet sich dem Weltall und den Sternen, sie zeigt wie man die Mondphasen malt und für die eigene Stimmungslage verwendet.
Olivia alias @flyingpaperwords liebt ihr Bullet Journal schlicht und übersichtlich und stellt darum grafisch akkurat gezeichnet und geschriebene Seiten vor.
Simone aus Brandenburg alias @lets.talk.about.bullet zeigt geometrische Formen und hilfreiche Icons zum schnellen Auffinden im Kalender.
Frei kreativ, farblich sehr ansprechend ist Christines Bullet Journal, alias @chrisplan .
Die Schweizerin Veronika alias @onki_art gibt Einblick in ihre großartige Vintage-Gestaltung, wie man z. B. Washetapes Selbermachen kann.  
Aquarellmaltipps und Anregungen für leer gebliebene Seiten gibt @bu.journal.love alias Raissa aus dem Odenwald.
Und zuletzt ergänzt das Ganze Anne Broszies aus Thüringen alias @bujotrulla mit klaren Illustrations- und Überschriftentipps.
Es macht großen Spaß in dem Buch zu blättern und jeden Monat für das eigene Bullet Journal neue Anregungen zu entdecken. Also am besten gleich: Aufschlagen, sich inspirieren lassen und loslegen!

Weitere Infos zum Buch und den Autorinnen:



Paula McLain
Hemingway & ich
Roman
Übersetzt von Yasemin Dinçer

Martha Gellhorn, die Ich-Erzählerin ist Schriftstellerin, zweifelt an sich, aber sie arbeitet auch an ihrer Entwicklung. Bevor sie den berühmten Ernest Hemingway kennen- und lieben lernt, erfährt der Leser einiges über ihre Erlebnisse in Paris, ihre Verbundenheit mit ihren Verwandten in Amerika. Der Verlust ihres Vaters, der sie stets im Schreiben bestärkte, macht ihr zu schaffen. Er stirbt, noch bevor ihr erster Roman ein Überraschungserfolg wird. Die Hauptfigur wirkt ein wenig haltlos, was an das Lebensgefühl der Existenzialisten in Frankreich, der Kreis um Camus, Sartre und Beauvoir, in Amerika die „Beat Generation“ erinnert und diese Stimmung hervorragend einfängt. So manche Berühmtheit taucht auch auf, z. B. F. Scott Fitzgerald, der sich Hollywood verkauft hat und nichts Kluges mehr zustande bringt, wie Martha findet. 
1936, mit achtundzwanzig begegnet sie dem zehn Jahre älteren Hemingway, er war schon zwei Mal verheiratet und schwärmt immer noch von seiner letzten Ehefrau. Er liebt seine Kinder und bald sorgt sich auch Martha um sie.  Zu zweit brechen sie zu einer Reise nach Europa auf, um vom Spanischen Bürgerkrieg zu berichten. Das wird zur Wende in Marthas Leben, sie steigt zur Kriegsreporterin auf.

In einer besonderen Sprache, wie auch schon in ihrem Vorgängerroman „Madame Hemingway“ erzählt Paula McLain auch hier die spannende Biografie von Hemingways dritter Ehefrau, die sich damit aus seinem breiten Schatten löst und mit ihrer Lebensgeschichte fasziniert. Wunderschön poetische Sätze und sehr bildhafte Beschreibungen wechseln sich im Roman mit Zeitsprüngen ab, nur das Wesentliche wird erzählt und das in besonderen Szenen, alles in leichtem, lockerem Tonfall, der begeistert. Ganz aus Martha Gellhorns Sicht geschrieben, betrachten wir die Welt und Hemingway durch ihre Augen, was uns Leserinnen bald völlig in Beschlag nimmt. So tauchen wir ganz in die Zeit und das Lebensgefühl einer jungen Kriegsreporterin ein, ringen mit ihren Gefühlen und Erkenntnissen, werden mit den Schrecken des Krieges konfrontiert. 

Man merkt, dass alles sorgfältig recherchiert wurde und erfährt auch noch einiges im Nachwort der Autorin. Rundum ein großartiges, sehr beeindruckendes Leseerlebnis!


Weitere Infos zur Autorin und zum Buch, hier, im Aufbau Verlag, 480 S. Hardcover.




Hanya Yanagihara
Das Volk der Bäume
Roman
übersetzt von Stephan Kleiner


Kann man das bedeutsame Werk eines Menschen von seinen privaten Handlungen trennen? Ist der Mensch mehr als sein Leben und seine Taten? Mit diesem Thema beschäftigt sich die Autorin (nach ihrem Weltbestseller „Ein wenig Leben“) in ihrem Debütroman: „Das Volk der Bäume“, der heute auf Deutsch erscheint. Es ist ein ambitioniertes Werk, nicht nur die Form und Erzählweise sind gründlich durchdacht und ungewöhnlich anders.  Die lange Einleitung erinnert an „Der Name der Rose“ von Umberto Eco: Jemand findet ein Manuskript, schreibt ein Vorwort dazu, ein anderer entdeckt danach das Ganze und schreibt als Herausgeber ein weiteres Vorwort. Eine Schachtel in der Schachtel. Nur, dass hier, anders als bei Eco, der dann die Form des literarischen Kriminalromans wählt, bei Yanagihara eine Mischung aus Sachbuch, Autobiografie und epischem Erzählen folgt. Das Buch beginnt mit der Wiedergabe von Briefen eines Wissenschaftlers, der wegen Kindesmissbrauchs verurteilt wurde. Diese Bekenntnisse gibt der Herausgeber eins zu eins wieder, zusammen mit Fußnoten, die, wie so oft, die eigentlichen Infos enthalten. Manchmal erstrecken sich diese Erklärungen und Anmerkungen über zwei Seiten, was das Lesen anspruchsvoll macht. Vielleicht hat die Autorin diese Form gewählt, um die Authentizität des Stoffs beizubehalten, denn der Geschichte liegt ein wahrer Fall zugrunde, mit dem sich Yanagihara seit Jahren beschäftigte. Kurz zum Inhalt: Der Arzt, im Roman „Perina“ genannt, der sich auf die Erforschung von Krankheiten spezialisiert hat, macht im fernen Dschungel von Mikronesien eine sensationelle Entdeckung und glaubt ein Mittel gegen die Sterblichkeit gefunden zu haben. Da man als Leser auf diese spannend klingende Forschungsreise wartet, liest man sich durch lange Kindheitspassagen, die, mit der Kenntnis seiner Schuld, wie Rechtfertigungen klingen. Mit wissenschaftlicher Akribie werden tragische Ereignisse geschildert. Die Abhärtung der Gefühle sozusagen. Bis es zur eigentlichen Expedition kommt, ist ein Drittel des Buches vergangen. Man folgt dem Werdegang von Perina, seinem Verhältnis zum Bruder, geprägt durch den frühen Verlust der Mutter, dann sein Studium von Krankheiten. Die Schilderungen grausamer Tierversuche sind nur schwer zu ertragen und lesen sich wie eine Vorankündigung zur Ausrottung der Insel Ivu‘ ivu. Dort lebt ein Dschungel-Volk, das nicht altert, da es sich von einer seltenen Schildkrötenart ernährt. Trotz dieser besonderen Handlungsidee und der intensiven Beschäftigung mit dem Thema, hat mich „Das Volk der Bäume“ leider nicht richtig gepackt. Die Sogwirkung, die ihr Weltbestseller „Ein wenig Leben“ entfaltete, ist mit diesem experimentellen wirkenden Buch nicht gegeben. Dennoch ist Hanya Yanagihara eine ungewöhnliche Autorin, die das Besondere wagt und auch mit diesem Roman und seiner Erzählform überrascht.  

Weitere Infos zur Autorin und zum Buch, hier, im Hanser Verlag, 480 S. Hardcover. 






Mikael Engström
Kaspar und Opa
Illustriert von Peter Schössow
Alle Geschichten
ab 10 Jahren
 
Kaspar wächst bei seinem Opa auf. Und wie es sich für einen richtigen Opa gehört, ist der ein Eigenbrötler, ein ganz besonderer Mensch genau wie Kaspar. Sie leben vom Holzpferdchen schnitzen und eigentlich vom Anschreiben beim Kaufmann, der die Holzpferdchen fürs Doppelte weiterverkauft. Es reicht zum Leben, aber nicht, um Kaspars Träume zu erfüllen, also müssen die beiden nachhelfen. Auch Opa hat Träume und mit seiner Sturheit fühlen sie sich sehr real an. Beim Lesen ist man ständig am Schmunzeln und Staunen. Wie heißt es auf Seite 11: "Das Ungewöhnlichste kann zugleich das Schönste sein." Kaspar versteht oft nicht gleich, was Opa meint, aber das spielt keine Rolle. Keiner versteht den anderen wirklich, aber es ist spannend in die Welten des Gegenübers einzutauchen. Wie zum Beispiel Opas Freund Birger, der immer nur an einem Bild malt und damit versucht, den Blick aus seinem Fenster abzubilden. Das gelingt ihm natürlich nie, denn die Landschaft verändert sich ständig. Als Opa ihn fragt, warum er nicht viele verschiedene Bilder malt anstatt nur das eine, antwortet Birger: „Das hab ich mich auch schon gefragt, aber das hier will ja einfach nicht fertig werden.“ 
Kaspar entdeckt seine eigene Welt an der Seite von Lisa, die manches erschreckend nüchtern betrachtet, aber mit ihr sind die Abenteuer viel aufregender.  

Man fühlt sich an Astrid Lindgrens Geschichten erinnert, aber auch an Petterson und Findus, das liegt an der schwedischen Heimat der Figuren und des Autors, aber auch an der besonderen Art der Erzählung. Hier wird kein Blatt vor den Mund genommen, Kinder und Erwachsene werden dargestellt wie sie sind und reden. Mikael Engström ist ein feinfühliger Beobachter, der seine Figuren ernst nimmt. Ob die Romane bei der Zielgruppe die gleiche Begeisterung hervorrufen wie bei mir als Erwachsene, habe ich noch nicht herausgefunden. Ich würde sowieso sagen, dass es zeitlose Geschichten sind, für alle, die wir mal Kinder waren und immer noch sind. 

Jedes Kapitel begleiten wunderschöne Illustrationen von Peter Schössow. Ohne die Charaktere für den Leser zu genau darzustellen, fasst er die Stimmungen der Szenen sehr prägnant ein. So sind Opa und Kaspar mehr Schattenrisse in Grauabstufungen, und trotzdem mit liebevoll-kunstvoll ausgestatteten Details gezeigt. 

Wie wunderbar, dass die drei Romane nun in diesem Sammelband vereint lieferbar sind. 

Weitere Infos:
Zum Autor und zum Buch, hier, im dtv-Verlag, 576 S. Hardcover. 
Zu Hinweisen zum Illustrator geht's hier. 



Michael Robotham
Die andere Frau
Psychothriller

Als ich nach dem vierten erschienenen Thriller erst diesen Autor begegnete, las ich mich rückwärts durch sein Werk und liebte es. Die Hauptfigur, der an der Parkinson-Krankheit leidenden Psychologen Joe O’Loughlin begeisterte mich. So freute ich mich auf dieses neue Buch, dessen Covergestaltung in blau und grau Tönen gelungen ins Auge fällt. O‘ Louglins Vater ist schwer verletzt, als Täterin gilt seine Lebensgefährtin, die sich sogar als seine Frau ausgibt, dabei ist sein Vater bereits verheiratet.
Aber auch, wenn es dieses Mal ein sehr persönlicher Kriminalfall wird, den der Psychologe aufzuklären hat, ist es trotz hoher Seitenzahl ein handlungsarmes, eher „dünnes“ Buch geworden. Viele überflüssige Dialoge erstrecken sich über die Kapitel, fast in lähmender Echtzeit begleitet der Leser die Hauptfigur auf seiner Reise zur Wahrheit, indem er tiefer in sein familiäres Umfeld einsteigt. Das empfand ich beim Lesen als zu eindimensional und reicht leider auch nicht für einen Psychothriller, der wendungsreich sein und vor allem mit Spannung überzeugen sollte. Schade!

Weitere Infos;
Zum Autor und der Thriller-Reihe, hier, im Goldmann Verlag, 480 S., Paperback. 



Tom Rachman
Die Gesichter
Roman
Aus dem Englischen von Bernhard Robben

Ein Künstlerroman, überbordend, als wären alle Farben auf einmal aus den Tuben gedrückt. Bear Bavinsky, als Maler weltberühmt, ist getrieben von seiner Kunst, lebt und existiert nur für sie und durch sie. Seine Frauen, seine vielen Kinder dienen seinen Werken. Exzessive Künstlergespräche, fulminante Ausstellungen, Begegnungen mit prominenten Künstlern wie Picasso, an dessen Lebensstil und Werk vermutlich inspiriert ist. Auf Vernissagen gibt sich der Maler bescheiden, will hinter seinem Werk zurücktreten. Nichts ist normal in diesem Leben, alles extrem. Einer seiner Söhne, Pinch, versucht sich aus diesen Fesseln zu befreien und seinen eigenen Weg zu finden. Er baut sich ein bürgerliches Leben auf, kommt aber nicht los von seinem Vater. Das klingt vielversprechend, liest sich leider anstrengend. Es gibt viele kluge Sätze in dem Buch, aber meistens wirkt der Roman durch die vielen Beschreibungen und auf einander donnernder Adjektive überfrachtet.  Anfangs kann man kaum eine Handlung ausmachen, die bedeutungsschweren Episoden aus dem Leben der Figuren reihen sich aufeinander, sodass beim Lesen kaum Luft zum Atemholen bleibt. Es fehlt die Sprachmelodie, auch mal leise im Lauten ist, das Auf und Ab, das auch beim Malen, der eigentlichen Beschäftigung mit Farbe und Material stattfindet.  So gelang es mir leider nicht, trotz hoher Erwartung, in das Buch einzutauchen und mich von dieser Künstlerwelt mitreißen zu lassen.

Weitere Infos:
Zum Autor und zum Buch, hier, im dtv-Verlag, 416 S. Hardcover. 

Lisa Brennan-Jobs
Beifang
Eine Kindheit wie ein Roman


Als erstes stach mir das Cover ins Auge, der Umriss einer Frau, die eine Welt ins sich birgt. Danach machte mich der Untertitel neugierig: Eine Kindheit wie ein Roman. Und erst zum Schluss löste der Doppelname der Autorin eine Assoziation aus. Handelt es sich hier um die Tochter von Steven Jobs, dem Erfinder des Mac-Computers? Ja, genau Lisa, die er angeblich vergessen oder ignoriert hat in seinem rel. kurzen Leben. Nun meldet sie sich mit diesem autobiografischen Roman zu Wort. Und es ist mehr als ein Sachbuch, es ist ein kunstvoll literarisches Buch voller origineller Bilder und Wendungen. Allerdings weiß man das Ende im Voraus und so fehlt etwas die Spannung beim Lesen. 

Fühlt sich die Autorin als „Beifang“ wie der Titel sagt? Als Fischlein, dass nur durch die Berühmtheit ihres Vaters gehört wird? Ja und nein, Lisa Brennan-Jobs erzählt ihre ganz eigene Geschichte. Ein Leben in Armut und Unsicherheit, aber auch in Fantasie, Hoffnung und Träumen, bestimmt vom Tauziehen zwischen Mutter und Vater, versucht sie ihren eigenen Weg zu finden, in ein selbstbestimmtes Leben. Ihre Mutter ist Künstlerin ohne festen Wohnsitz, ihr Vater ein Millionär, der sich nicht zu ihr bekennt, aber seine erste Erfindung nach ihr benennt. Kurz vor seinem Tod begegnet sie sich dann doch. Das Buch ist keine Abrechnung, sondern ein Einblick in das schwierige Leben an der unsichtbaren Seite einer Berühmtheit, im Kampf um Selbstbehauptung, Anerkennung und Liebe.  

Weitere Infos:

Zur Autorin und zum Buch, hier, im Berlin Verlag, 384 S., Hardcover. 






Ryder Carroll
Die Bullet-Journal-Methode
übersetzt von Viola Krauß

Verstehe deine Vergangenheit, ordne deine Gegenwart, gestalte deine Zukunft, lautet der Untertitel. Bisher erklärte der Autor Ryder Carroll auf seiner legendären Website die von ihm erfundene Methode des Achtsamkeits-Tagebuch-Kalenders, nun liegt sein erstes Buch vor. Und um es vorweg zu nehmen, es ist keine Nacherzählung des bereits bekannten, sondern eine sehr gelungene Mischung aus Erlebnisbericht und Anleitung. Dazu kommt die wunderschöne Aufmachung des Buches (strahlendes Titelbild und zwei (!) Lesebändchen). Auch der Übersetzerin Viola Krauß gebührt ein großes Lob, sie hat die Notizbuchgedanken so klug und nachvollziehbar ins Deutsche übertragen.
Um was geht es überhaupt? Ryder Carroll litt an ADHS und wusste seine Termine und Gedanken kaum unter einen Hut zu bringen, geschweige denn in einen gewöhnlichen Kalender reinzuquetschen. Also fing er an, ein spezielles Notizbuch zu entwerfen. Eines, das beim Denken entsteht und nicht schon vorgefertigt ist.
In den ersten beiden Teilen zeigt Carroll wie man ein Bullet-Journal führen kann und in den letzten beiden Teilen, warum man es führen sollte. Erst die Anleitung, dann die Verfeinerung sozusagen. Dabei richtet er sich nicht nur an künstlerisch begabte Menschen, die ihren Notizbuchkalender ausschmücken wollen, wie man es z. B. auf zahlreichen Instagramseiten bewundern kann (#bujo), sondern an jeden, der sich (mit oder ohne ADHS) gerne verzettelt und mehr Ordnung und Struktur in den Alltag und in die Gedanken und Erlebnisse bringen möchte. Kurz er wendet sich an alle, die ein zielgerichtetes, aber achtsames Leben führen möchten.
Schritt für Schritt lädt das Buch ein, sofort oder idealerweise zum neuen Jahr zu beginnen. Dabei hält er ein Plädoyer für das Schreiben per Hand. Smartphone und Computer mal ausschalten, um mit der Verbindung durch Hand und Kopf neue unkonventionelle Lösungen und Einsichten hervorbringen zu können. Dass er am Ende des Buchs auf seine Bullet-Journal-App hinweist, sei ihm verziehen. Wir leben nun mal im Zeitalter, in dem das Schreiben per Hand Luxus bedeutet und Handlettering genannt wird. Weg von der Copy-und-Paste-Welt beschreiten wir so den „langsamen“ Weg und filtern so manches Signal aus dem großen Rauschen um uns herum heraus. Anders als ein gewöhnlicher Kalender, der den Tag oder die Wochen im Voraus auflistet, arbeitet man hier mit spontanen Einfällen und überträgt sie danach. Man streicht aus, was überflüssig ist, markiert was wichtig ist und trägt es in den nächsten Tag ein, wenn es noch nicht erledigt wurde.
Klingt komplizierter als es ist, einmal angefangen und inspiriert schreibt jeder sein eigenes Bullet-Journal. Es hilft den Kopf frei zu kriegen und sich am eigenen Werk zu erfreuen. Mit den Jahren wächst somit eine Bibliothek aus Bullet-Journals heran, die mit dem eigenen Leben gefüllt ist.


Weitere Infos:
Zum Autor und zum Buch, hier, im Rowohlt-Verlag, 352 S. Hardcover mit Beispiel-Abb., zur Website von Ryder Carroll, des Erfinders des Bullet-Journals, geht’s hier



Volker Kutscher
Marlow
Der siebte Rath-Roman

Mit der ungewöhnlichen Du-Perspektive wird der siebte Roman der Reihe eröffnet. Der Erzähler spricht jemanden an und berichtet zugleich von diesem „Du“, als wüsste er dessen Schritte im Voraus. Ich mag so etwas sehr, der Autor wagt etwas, bricht mit dem Erzählschema. Das fordert den Leser, bereichert und macht neugierig auf die Fortsetzung. So stellt sich bei Volker Kutscher niemals Langeweile ein.
Das liegt natürlich auch an der Handlung. 1935, Oberkommissar Rath (endlich wurde er befördert) ist mit zwei Leichen in einer Kraftdroschke, wie das Taxi damals genannt wurde, konfrontiert. Seine Ehefrau Charly arbeitet inzwischen nicht mehr bei der Polizei, sondern als Privatdetektivin. Die Nazimethoden und auch das Hitler-Anhimmeln ihrer Kolleginnen verleideten ihr die Polizeiarbeit. Rath schlägt sich dagegen weiter durch, nuschelt den Hitlergruß und macht nur gelegentlich Männchen, wie er das Hab-Acht der Nazis nennt. Doch als er seinen Pflegesohn in Nürnberg beim Reichsparteitag besucht, erlebt er was Massenhysterie heißt. Es reißt es auch ihn mit, und er fängt an, alles zu hinterfragen. Fritz, den wir aus den Vorgängerbänden kennen und ins Herz geschlossen haben, ist bei der Hitlerjugend und marschiert von Berlin zu Fuß nach Nürnberg, um zusammen mit dem ganzen Jungvolk dem „Führer“ die Ehre zu erweisen. Rath wäre nicht Rath, wenn er nicht auch wegen seiner Ermittlungen nach Nürnberg reist. Samt Schwiegermutter, die ebenfalls Anhängerin des neuen Regimes ist und mitfährt. Und dann stellen die Raths plötzlich fest, dass der Fall mehr mit ihnen persönlich zu tun hat, als sie dachten. Und auf einmal ist nicht nur Charly in Lebensgefahr.
Detailgetreue Ermittlung innerhalb der komplizierten politischen Umstände und das Einfangen der besonderen Atmosphäre der dreißiger Jahre in der untergehenden Weimarer Republik zeichnet auch diesen Roman aus und macht ihn wieder zu einem großartigen Lesevergnügen. Marlow, der Doktor der Berliner Unterwelt, wird diesmal zur titelgebenden Figur und versucht die entscheidenden Fäden zu ziehen. Doch am Ende muss sich erst noch herausstellen, wer der eigentliche Marionettenspieler ist.

Weitere Infos:


Diana Hillebrand

Zuhause im Café

Mit Fotografien von Johannes Schimpfhauser

Eine koffeinhaltige Reise durch München

„Die Welt passt in ein Café“ schreibt die Münchner Autorin Diana Hillebrand einleitend. Man findet sie oft mit ihrem Notizbuch in einem der Cafés. Wer sich inspirieren lassen möchte, den Kopf frei kriegen, vor der zusammenbrechenden Decke zuhause flieht, sich mit einer Freundin treffen möchte oder einfach nur entspannt den herrlichen Duft von frischem Kaffee genießen will, wird mit diesem Buch bereichert und eingeladen auf Entdeckungsreise zu gehen. Jedes Café hat seine Besonderheit, sei es „Henry hat Hunger“, „Zimtzicke“ oder „White Rabbit’s Room“, die allein durch den Namen schon neugierig machen. Oder die Philosophie, die hinter der jeweiligen Cafégründung liegt. Eigene Röstungen, Buchladen mit Kaffee und Kuchen, ehrliches Essen, Glücksgefühle, was will man mehr? Auf diese Weise lebt die uralte Kaffeehauskultur wieder auf. Diana Hillebrand hat sich lange mit den Cafébetreibern unterhalten und erzählt die Geschichten, die zur Gründung des Cafés führten. Die vom „Café Schuntner“ am Sendlinger Tor, das 1947 von der damaligen amerikanischen Militärregierung genehmigt werden musste, um aufmachen zu können. Oder die des kleinsten Cafés namens „Henry hat Hunger“, das mit seinen blau-weißen Kacheln an einen Milchladen erinnert. Im „Café Bla“ werden die Zimtschnecken zum Schutz vor Trollen hinter Glas eingesperrt. Und im „Buchcafé Lentner“ kann man auf einem Omasofa Kaffee genießend in Büchern schmökern. So erfährt man schon vorab mehr über das jeweilige Café, als man als Gast vermutet und kann so mit ganz anderen Augen und Erwartungsfreude zum Kaffeetrinken und Kuchenessen gehen. Aber auch für die, die lieber zuhause bleiben, ist das Buch mit Rezepten, Handletteringüberschriften und den wunderschönen Fotografien von Johannes Schimpfhauser eine Augenweide. Beim Betrachten, Lesen und in der Handhalten fühlt man sich tatsächlich auch im eigenen Heim wie in einem Café. Aber natürlich ist man schnell verleitet, sich mit dem Buch als Reiseführer aufzumachen und diese fünfunddreißig Münchner Perlen zu entdecken. Was nicht zuletzt eine besondere Art ist, München, auch als Einheimischer neu kennenzulernen.

Ein Geschenk zum Zuhausefühlen und sich ins Café sehnen.


Weitere Infos:
Zum Buch und zur Autorin, hier auf der Verlagsseite
Zur Autorin und Schreibcoach-Dozentin Diana Hillebrand auf schreibundweise.
Volk Verlag, 352 S., Hardcover mit vielen Fotos.




Nathalie Boegel
Berlin Hauptstadt des Verbrechens
Die dunkle Seite der Goldenen Zwanziger

Bekannte und unbekannte Kriminalfälle aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen stellt die Autorin in diesem spannenden Buch vor. Ob die Attentate auf Politiker wie den Pazifisten Walter Rathenau oder die Wettbetrügereien des Max Klante, ein Porträt des legendären Mordinspektors Ernst Gennat oder eines von „Hitlers Scharfmacher“ Joseph Goebbels. Das Buch beginnt mit den Geburtswehen der Weimarer Republik und ihren kleinen und großen Kriminalgeschichten, leitet in das wilde Berlin der goldenen Zwanziger Jahre über und endet in der Dunkelheit des Dritten Reiches, in dem Terror gegen alles und jeden vorherrschte. Das liest sich gruselig-spannend mit Parallelen zur Gegenwart und ein Hoffen auf ein „Nie wieder“. Man erfährt etwas über die Anfänge der Kriminalistik und freiheitliche Ansätze in dieser kurzlebigen Demokratie der zwanziger und dreißiger Jahre. Ausgestattet mit vielen Fotos und einem Berliner Stadtplan im Vorsatz, in dem die Fälle eingezeichnet sind, kann das Buch auch als Reiseführer beim nächsten Berlinbesuch benutzt werden. Abgerundet mit einem Literaturverzeichnis, das zum Weiterlesen verführt und einem nützlichen Register ist das Buch ein besonderes Geschenk für alle Berlin- und Krimifans.

Weitere Infos:








Jeff Kinney
Gregs Tagebuch 13
Eiskalt erwischt!
Comic-Roman
Ab 10 Jahren

Aller guten Bücher sind dreizehn! Wie jedes Jahr um diese Zeit „gregt“ es wieder und erneut überrascht und erfreut Jeff Kinney mit seinen Einfällen. Greg wird einfach nie langweilig. Das liegt an Kenney's großer Zeichen- und Erzählkunst. Und an dieser Stelle auch ein Lob an den Übersetzer Dietmar Schmidt, der sich bestimmt oft genug etwas einfallen lassen muss, damit die Gags auch auf Deutsch zünden. 

Dieses Mal freuen sich alle am ungewöhnlich warmen Winter, nur Greg macht sich Gedanken wie das wird mit der Klimaerwärmung, was das für Folgen ganz konkret für ihn hat. Schuldig fühlt er sich nicht, denn schließlich ist er gerade erst auf diesem Planet ANGEKOMMEN. Und wenn die Zukunft darin besteht, dass die Menschen Roboter-Körperteile haben, wäre das für Greg sogar nützlich, denn mit Roboterbeinen könnte er auf dem Schulweg ein halbes Stündchen länger schlafen. Über die Kälte, den Winter und seine Auswirkungen nimmt der Autor und Illustrator Jeff Kinney viele Abzweigungen in die Gedankenwelt des ewig elfjährigen Gregs und findet aber auch immer wieder zurück zur Hauptgeschichte. Und gerade, weil diese Überlegungen so eigenwillig sind, haben sie Universalcharakter und jeder, ob Erwachsener oder Kind, findet sich darin wieder.
Das liegt nicht nur an Baby Gibson, einem 32jährigen Jungen, der nie ÄLTER wird, noch bei seiner Großmutter lebt, aber schon zwei EIGENE Kinder hat, sondern auch an all den anderen NICHT-Freunden von Greg, die in seiner Straße wohnen und die er beschreibt und beobachtet und dann trotzdem mit ihnen in gemeinsame Erlebnisse stolpert. Man erfährt auch, warum Mädchen (in Gregs Schulklasse) klüger sind und Jungs nichts dafürkönnen. Wie genau oder ungenau ein Ziegenmann aussieht, ob oben Ziege und unten Mensch oder umgekehrt. Gregs bester Freund Rupert meint, der Ziegenmann sei in der Mitte geteilt, was konkret gleich weniger furchteinflößend aussieht, eher bekloppt. Aber als die beiden dann allein durch den verschneiten Wald stapfen, gruseln sie sich doch. Kurz ein Abenteuer jagt das nächste und bis zu Band 14 kann man sich ja sein Greg-Regal vornehmen und nochmal beim ersten Buch anfangen. Alle Geschichten sind nach wie vor erfrischend unverbraucht.  

Fazit: Auch wenn Greg von sich selbst in Band 13 behauptet, dass er nicht der HELDENHAFTE Typ ist, DIE WELT BRAUCHT MENSCHEN WIE GREG!!!


Weitere Infos zum Buch und Autor/Illustrator: hier auf der Website zu Gregs Tagebuch, 224 S., Hardcover, mit vielen Illustrationen, Baumhaus Verlag





Volker Kutscher
Moabit
Illustrationen und Gesamtgestaltung Kat Menschik

Wie Lotte zu Charly wurde
Wir kennen Charlotte Ritter als zweite Hauptfigur in Volker Kutschers „Der nasse Fisch“ und allen Folgebänden seiner nun als „Babylon Berlin“ verfilmten großartigen Krimireihe, die im Berlin der Zwischenkriegszeit spielt. Dieses wunderschön gestaltete Buch ist ein Schwenk zu ihrer Geschichte, ihrer Herkunft und Charakterisierung. Wir Leser erfahren, warum Charlotte Ritter so wurde, wie sie ist. Auch wenn sie erst spät in der Geschichte auftritt, fiebern wir beim Lesen bis zu ihrem Auftritt hin, denn schließlich ist sie auf dem Titelbild porträtiert. Der Kriminalfall ist im Vergleich zur Gereon-Rath-Reihe schlicht gehalten, aber nicht weniger spannend. Aus drei Perspektiven lesen wir über einen merkwürdigen Todesfall in Moabit, der Berliner Justizvollzugsanstalt, die eine Reihe prominenter Insassen gefangen hielt. Volker Kutscher wählt für die erste Sicht die ungewöhnliche Du-Perspektive, die etwas gewöhnungsbedürftig ist, aber im Rückblick Sinn macht.

Die Illustratorin Kat Menschik greift Begriffe aus dem Text und erhellt sie mit ihrer herausragenden Kunst. Das Buch hat ein handliches Format in edel bedrucktem Leineneinband, einen farbigen Schnitt und farbigen Vorsatz in einem satten Orange wie die geprägte Titelschrift „Moabit“. Der Text ist zweispaltig wie in einer Zeitung gesetzt und wird von zeitgenössischen Anzeigen und Illustrationen in blau, braun, schwarz und wieder von diesem Orange begleitet. Das trägt zum Eintauchen in die Atmosphäre von 1927 bei. Konsequent von den Autoren- und Illustratorinnen-Porträt auf der ersten Seite bis zur Werbung für die weiteren Bücher, der von Kat Menschiks ausgewählten Lieblingsbüchern ganz hinten im Buch.  Allein die Gesamtgestaltung ist also ein Betrachtungs- und Entdeckungsvergnügen und damit ein Geschenk nicht nur für Fans von Volker Kutscher, sondern auch für Liebhaber des besonderen Buches.

Weitere Infos zum Buch und dem Autor, samt Leseprobehier auf der Verlagsseite. Galiani Verlag, 88 S., Hardcover.




Volker Weidermann
Träumer
Als die Dichter die Macht übernahmen




Bald hundert Jahre her, die wenigen Tage in denen in München eine Räterepublik aus Künstlern an der Macht war. Mit großem Staunen und sehr berührt habe ich "Träumer" gelesen und die toll gestalteten CDs dazu zu hören. Als die Dichter die Macht übernahmen. 


Am Ende wurde dieser waghalsige Versuch, in Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit miteinander zu leben, blutig niedergeschlagen, als dürften Träume nicht die Welt regieren. Und auch wenn sich die Leichen in der Stadt stapelten und viele Zeitzeugen nur zufällig mit dem Leben davon kamen, so gab es sie wirklich, diese Utopie, wenn auch nur kurz. Wie schreibt Volker Weidermann am Schluss: "Diese Geschichte ist nur falsch ausgegangen. Sie ist aber noch längst nicht zu Ende." 





Sofia Lundberg
Das rote Adressbuch
Roman

Ein Adressbuch enthält noch mehr Geheimnisse als ein Tagebuch. Nach dem Tod des Besitzers bleiben die Namen Schlüssel zu Lebensgeschichten, die vielleicht nie erzählt werden. Die Schwedin Sofia Lundberg nutzt diese Form der Namensauflistung von Personen, um die Biografie ihrer Heldin auszubreiten. Doris, eine über neunzig Jahre alte Schwedin und gebrechlich, skypt mit ihrer einzigen verbliebenen Verwandten, ihrer Großnichte Jenny in New York. Gleichzeitig erinnert sich Doris an die Menschen in ihrem Adressbuch, denen sie in ihrem Leben und auf ihrer Reise um die halbe Welt begegnete. Wie sie vor dem zweiten Weltkrieg erst als Dienstmädchen gearbeitet hat und dann als Model entdeckt wurde, wie sie Freunde verlor und andere fand. Welche Entbehrungen und Schicksalsschläge sie hinnehmen musste. Immer voller Sehnsucht nach ihrer großen ersten Liebe.
Gerade durch diese Form, der Wechsel aus der Gegenwart, Doris im Alter, in der Sie-Perspektive, und dann die mit den Namen betitelten Kapitel, die manchmal durchgestrichenen und mit „Tot“ versehen sind, aus der Ich-Perspektive von Doris geschrieben, machen den Reiz dieses Romans aus. Die Geschichte trägt viele autobiografische Anknüpfungspunkte. Die Arbeit als Model kennt Lundberg aus eigener Erfahrung und es gab eine Tante, die wie die Hauptfigur Doris hieß. Das Adressbuch in ihrer Hinterlassenschaft inspirierte Lundberg zu dem Roman.
In schnörkelloser Sprache, schnell zu lesen, hält sich die Autorin nicht mit historisch genauen Details oder Metaphern auf, sie konzentriert sich auf ihre Hauptfigur und ihre spannende Geschichte, das ist ein sehr berührender Lesespaß!

Weitere Infos zum Buch und dem Autor, samt Leseprobe, hier auf der Verlagsseite. Suhrkamp Verlag, 143 S., Hardcover.


Friedrich Ani

Der Narr und seine Maschine

Ein Fall für Tabor Süden

 

Hurra, Süden ist weiter Finder von vermissten Leuten! Wie schreibt man über eine Figur, die mich schon ein Schreiblebenlang begleitet? Wie finde ich Worte für meine Ehrfurcht und den Respekt, den ich vor allen Süden und den Friedrich-Ani-Büchern habe? Romane zum Eintauchen, sich daran Freuen, zum Staunen und Nicken. Ja, das ist Literatur, das ist Schreibkunst, das ist der Grund, warum ich so gerne lese und froh bin, dass es zum Glück immer wieder solche Bücher gibt. Diese Geschichte wird auf und im Buch nicht mal mehr als Roman bezeichnet, sondern schlicht untertitelt: Ein Fall für Tabor Süden. A fool and his machine, das vorangestellte Motto von Cornell Woolrich hat Friedrich Ani wohl zu der Geschichte inspiriert. Ich stelle mir vor, dass er sich überlegt hat, was damit gemeint sein könnte und dann seine Version davon erzählt. Im Laufe des Lesens habe ich das Motto vergessen, auch wenn die Maschine vorzeitig auftaucht. Ich war zu sehr von dem Geschehen, das ja bei Süden oder Ani überhaupt relativ dezent ist (keine Krimiaction, sondern genaueste Beobachtung feinster Gemütszustände) und wurde dann am Ende davon überrascht. Mit einem Lächeln las ich das Motto nochmal, ja, so könnte es gewesen sein. Amüsiert lese ich gerne auch Anis „Überlegungen“ zum Alkohol („Er hatte einen leichten Biergang“, in anderen Romanen ist mancher„bebiert“), die mich an Stephen King und seine lebenslange Auseinandersetzung mit dem Suff oder der Kontrolle erinnern.
Und dann freute ich mich an den unvergesslichen Sätzen, die wie schon der Titel eigene kleine Geschichten erzählen. Sätze wie: Für Cornelius Hallig schien das Wetter nicht zuständig. Oder: Obwohl er unzählige Arten des Schweigens beherrschte und einige davon vermutlich erfunden hatte, wäre der ehemalige Kommissar nie auf die Idee gekommen, sich auf diese Weise trotzig zu stellen. Oder: Dieser Ort bewohnte der Schatten eines Unsichtbaren.
Und von was handelt das Buch eigentlich? Ich sage nur: SelbstLESEN!



Weitere Infos zum Buch und dem Autor, samt Leseprobe, hier auf der Verlagsseite. Suhrkamp Verlag, 143 S., Hardcover.





Christoph Niemann
Wörter

Ein Wörterbuch der besonderen Art.
Der international bekannte deutsche Künstler Christoph Niemann, der offenbar nur noch englisch spricht, jedenfalls werden all seine Bücher übersetzt, hat ein neues Buch veröffentlicht. Zwei Wörter pro Doppelseite erzählen manchmal eine gemeinsame Geschichte, manchmal auch getrennte Geschichten, die es erst zu ergründen gilt.  Unter einem Seil, das fast reißt, steht zum Beispiel „bis“. Daneben starrt ein Junge von einem Sprungbrett auf die Wasseroberfläche, darunter steht „wagen.“ Oder eine „Straße“ führt über beide Seiten, rechts zweigt sie aber zu einem „Haus“ ab. Oder links sieht man eine schwarze, stilisierte Katze, rechts viele verschiedenartige Katzenköpfe die das Wort „Katze“ buchstabieren. Christoph Niemann erfasst mit seiner genialen Zeichen- und Wortkunst das Wesentliche der Wörter und zeigt damit das schöpferisch, spielerische der Sprache auf. Jede Seite ist ein Hochgenuss, hier gibt es keinen falsch gesetzten Pinselstrich. Die Bilder wirken auf den ersten Blick wie Piktogramme, sie erfassen aber durch diese Reduzierung auf kunstvolle Weise auch Gefühle. Wie stellt man Angst dar oder die Doppelsinnigkeit des Wortes Strauß? Das müssen Sie sich selbst anschauen oder besser eintauchen und genießen. Das Buch ist dazu noch eine gelungene Gesamtkomposition, manche Wörter sind farbig, auch einige Seiten, auch der Vorsatz mit den Sprechblasen und der buddelnde Hund, der sich unter dem Schutzumschlag befindet. Das alles hebt den Spielcharakter hervor und zeichnet dieses Prachtstück zu meinem Leselieben-Liebling aus.
Wie schön ist es, einem Kind, einem Freund oder sich selbst Wörter mit diesem wunderbaren Buch zu schenken!

Weitere Infos zum Buch und dem Autor und Illustrator, hier auf der Verlagsseite.
Diogenes Verlag, 352 S., Hardcover mit vielen Abbildungen.





Moira Weigel
Dating
Eine Kulturgeschichte

Auch wenn sich dieses spannende Sachbuch über das „Werben um die Liebe“ hauptsächlich auf die Flirtgepflogenheiten in Amerika bezieht, ist es durchaus auf Europa zu münzen, denn viele der Einwanderer in die USA Anfang des 20. Jahrhunderts stammten aus Europa. So quetschten sich in die engen Stadtwohnungen, in den bereits Iren hausten, nach und nach zugereiste Italiener und Osteuropäer. Moira Weigel schreibt in lockerem Kolumnenstil, was sich gerade dadurch spannend liest und interessante Einblicke in ein, wie ich finde, schwer zu greifendes Thema gibt. Ausgehend von der Gegenwart, dass das Dating tot sei und „einem Durcheinander an Mutmaßungen und Überzeugungen“ in ihrem eigenen Bekanntenkreis, forscht Moira Weigel in der Vergangenheit. Alles fing mit dem „weiblichen Begehren“ an. Früher, auf dem Land, gab es kaum unbeobachtete Gelegenheiten, dass sich junge Paare trafen. Außerdem war fast jeder auf einem Dorf, mit dem man sich verabredete, jemand, den man sowieso schon kannte. In der Anonymität der Großstadt fing „frau“ an, über sich selbst zu bestimmen. Doch in die engen Räumlichkeiten, meist von mehreren Verwandten bewohnten Zimmer, jemanden mitzubringen, war fast unmöglich, also traf man sich in der Öffentlichkeit. Man hatte ein „Date“.

Moria Weigel erzählt nicht nur Anekdoten rund um das aufregende erste Treffen, sie bezieht auch Romane, Fernsehserien und Filme mit ein. Mit ihrer klugen Kulturgeschichte bringt sie Struktur in die Gefühle zwischen zwei Menschen und gibt uns Lesern Einblick in das komplizierte Verhalten, das wir nicht nur vom Hörensagen kennen. Dabei erfahren wir mehr über den Umgang mit Sexualität, Beziehungen und Wertvorstellungen unserer Vorfahren, die sich versteckt oder offensichtlich auch in der Gegenwart wiederfinden. Am Ende sind wir bei den Errungenschaften der Emanzipation oder bei der Liebe (wie das letzte Kapitel heißt), wobei es Feministinnen gibt, die behaupten, die Liebe sei schlecht für uns. Verlassen wir uns lieber auf das Mindesthaltbarkeitsdatum.

Weitere Infos zum Buch und der Autorin, hier auf der Verlagsseite.

btb Verlag, 352 S., Taschenbuch.