Wenn Sie Interesse haben, Ihre eigene Romanfiguren live zu erleben, dann melden Sie sich zu einem Workshop für kreatives Schreiben an, den ich als Dozentin in mehreren Städten anbiete: 


30. - 31.03.19, Starnberg, VHS, Infos und Anmeldung hier



17.05.19, Berlin, bei der "Narrativa", der Autorentagung der Text-ManufakturInfos und Anmeldung hier.



21.06. - 23.06.19, Rendsburg, Nordkolleg, Infos und Anmeldung hier.



09.11. - 10.11.19, München, Text-Manufaktur, im Literaturkeller des Stemmerhofs. Infos und Anmeldung (ab März) hier

                                         


Anmeldung jederzeit möglich, Düsseldorf, Edition Oberkassel Akademie, Infos und Terminfindung hier.



Wenn Sie per Mail über neue Lesungs- oder Workshoptermine informiert werden möchten, schreiben Sie mir bitte.  






Herzlich Willkommen auf meiner Website.Ich bin Stephanie Schuster und Schriftstellerin, Illustratorin, Buchbloggerin und Dozentin für "literarisches Figurenaufstellen".

Hier schreibe ich über 
Bücher anderer Autoren, die mich begeistern, erstaunen, beschäftigen, inspirieren. Neuerscheinungen, Klassiker aus meinem Bücherregal. Gelegentlich auch über Enttäuschungen, Bücher, die zuviel versprochen haben. Aber wie immer gilt, jedes Buch schlage ich mit Neugier auf, bereit, in die Geschichte oder die Bilder einzutauchen...



Es handelt sich um (unbezahlte) Werbung für Bücher, gelegentlich erhalte ich ein Rezensionsexemplar der Verlage. Ansonsten kaufe ich die Bücher in meinen Lieblingsbuchhandlungen. Die Verlinkungen zu den Infoseiten sind § 2 Nr. 5 TMG gekennzeichnet.



Volker Kutscher
Marlow
Der siebte Rath-Roman

Mit der ungewöhnlichen Du-Perspektive wird der siebte Roman der Reihe eröffnet. Der Erzähler spricht jemanden an und berichtet zugleich von diesem „Du“, als wüsste er dessen Schritte im Voraus. Ich mag so etwas sehr, der Autor wagt etwas, bricht mit dem Erzählschema. Das fordert den Leser, bereichert und macht neugierig auf die Fortsetzung. So stellt sich bei Volker Kutscher niemals Langeweile ein.
Das liegt natürlich auch an der Handlung. 1935, Oberkommissar Rath (endlich wurde er befördert) ist mit zwei Leichen in einer Kraftdroschke, wie das Taxi damals genannt wurde, konfrontiert. Seine Ehefrau Charly arbeitet inzwischen nicht mehr bei der Polizei, sondern als Privatdetektivin. Die Nazimethoden und auch das Hitler-Anhimmeln ihrer Kolleginnen verleideten ihr die Polizeiarbeit. Rath schlägt sich dagegen weiter durch, nuschelt den Hitlergruß und macht nur gelegentlich Männchen, wie er das Hab-Acht der Nazis nennt. Doch als er seinen Pflegesohn in Nürnberg beim Reichsparteitag besucht, erlebt er was Massenhysterie heißt. Es reißt es auch ihn mit, und er fängt an, alles zu hinterfragen. Fritz, den wir aus den Vorgängerbänden kennen und ins Herz geschlossen haben, ist bei der Hitlerjugend und marschiert von Berlin zu Fuß nach Nürnberg, um zusammen mit dem ganzen Jungvolk dem „Führer“ die Ehre zu erweisen. Rath wäre nicht Rath, wenn er nicht auch wegen seiner Ermittlungen nach Nürnberg reist. Samt Schwiegermutter, die ebenfalls Anhängerin des neuen Regimes ist und mitfährt. Und dann stellen die Raths plötzlich fest, dass der Fall mehr mit ihnen persönlich zu tun hat, als sie dachten. Und auf einmal ist nicht nur Charly in Lebensgefahr.
Detailgetreue Ermittlung innerhalb der komplizierten politischen Umstände und das Einfangen der besonderen Atmosphäre der dreißiger Jahre in der untergehenden Weimarer Republik zeichnet auch diesen Roman aus und macht ihn wieder zu einem großartigen Lesevergnügen. Marlow, der Doktor der Berliner Unterwelt, wird diesmal zur titelgebenden Figur und versucht die entscheidenden Fäden zu ziehen. Doch am Ende muss sich erst noch herausstellen, wer der eigentliche Marionettenspieler ist.

Weitere Infos:


Diana Hillebrand

Zuhause im Café

Mit Fotografien von Johannes Schimpfhauser

Eine koffeinhaltige Reise durch München

„Die Welt passt in ein Café“ schreibt die Münchner Autorin Diana Hillebrand einleitend. Man findet sie oft mit ihrem Notizbuch in einem der Cafés. Wer sich inspirieren lassen möchte, den Kopf frei kriegen, vor der zusammenbrechenden Decke zuhause flieht, sich mit einer Freundin treffen möchte oder einfach nur entspannt den herrlichen Duft von frischem Kaffee genießen will, wird mit diesem Buch bereichert und eingeladen auf Entdeckungsreise zu gehen. Jedes Café hat seine Besonderheit, sei es „Henry hat Hunger“, „Zimtzicke“ oder „White Rabbit’s Room“, die allein durch den Namen schon neugierig machen. Oder die Philosophie, die hinter der jeweiligen Cafégründung liegt. Eigene Röstungen, Buchladen mit Kaffee und Kuchen, ehrliches Essen, Glücksgefühle, was will man mehr? Auf diese Weise lebt die uralte Kaffeehauskultur wieder auf. Diana Hillebrand hat sich lange mit den Cafébetreibern unterhalten und erzählt die Geschichten, die zur Gründung des Cafés führten. Die vom „Café Schuntner“ am Sendlinger Tor, das 1947 von der damaligen amerikanischen Militärregierung genehmigt werden musste, um aufmachen zu können. Oder die des kleinsten Cafés namens „Henry hat Hunger“, das mit seinen blau-weißen Kacheln an einen Milchladen erinnert. Im „Café Bla“ werden die Zimtschnecken zum Schutz vor Trollen hinter Glas eingesperrt. Und im „Buchcafé Lentner“ kann man auf einem Omasofa Kaffee genießend in Büchern schmökern. So erfährt man schon vorab mehr über das jeweilige Café, als man als Gast vermutet und kann so mit ganz anderen Augen und Erwartungsfreude zum Kaffeetrinken und Kuchenessen gehen. Aber auch für die, die lieber zuhause bleiben, ist das Buch mit Rezepten, Handletteringüberschriften und den wunderschönen Fotografien von Johannes Schimpfhauser eine Augenweide. Beim Betrachten, Lesen und in der Handhalten fühlt man sich tatsächlich auch im eigenen Heim wie in einem Café. Aber natürlich ist man schnell verleitet, sich mit dem Buch als Reiseführer aufzumachen und diese fünfunddreißig Münchner Perlen zu entdecken. Was nicht zuletzt eine besondere Art ist, München, auch als Einheimischer neu kennenzulernen.

Ein Geschenk zum Zuhausefühlen und sich ins Café sehnen.


Weitere Infos:
Zum Buch und zur Autorin, hier auf der Verlagsseite
Zur Autorin und Schreibcoach-Dozentin Diana Hillebrand auf schreibundweise.
Volk Verlag, 352 S., Hardcover mit vielen Fotos.




Nathalie Boegel
Berlin Hauptstadt des Verbrechens
Die dunkle Seite der Goldenen Zwanziger

Bekannte und unbekannte Kriminalfälle aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen stellt die Autorin in diesem spannenden Buch vor. Ob die Attentate auf Politiker wie den Pazifisten Walter Rathenau oder die Wettbetrügereien des Max Klante, ein Porträt des legendären Mordinspektors Ernst Gennat oder eines von „Hitlers Scharfmacher“ Joseph Goebbels. Das Buch beginnt mit den Geburtswehen der Weimarer Republik und ihren kleinen und großen Kriminalgeschichten, leitet in das wilde Berlin der goldenen Zwanziger Jahre über und endet in der Dunkelheit des Dritten Reiches, in dem Terror gegen alles und jeden vorherrschte. Das liest sich gruselig-spannend mit Parallelen zur Gegenwart und ein Hoffen auf ein „Nie wieder“. Man erfährt etwas über die Anfänge der Kriminalistik und freiheitliche Ansätze in dieser kurzlebigen Demokratie der zwanziger und dreißiger Jahre. Ausgestattet mit vielen Fotos und einem Berliner Stadtplan im Vorsatz, in dem die Fälle eingezeichnet sind, kann das Buch auch als Reiseführer beim nächsten Berlinbesuch benutzt werden. Abgerundet mit einem Literaturverzeichnis, das zum Weiterlesen verführt und einem nützlichen Register ist das Buch ein besonderes Geschenk für alle Berlin- und Krimifans.

Weitere Infos:








Jeff Kinney
Gregs Tagebuch 13
Eiskalt erwischt!
Comic-Roman
Ab 10 Jahren

Aller guten Bücher sind dreizehn! Wie jedes Jahr um diese Zeit „gregt“ es wieder und erneut überrascht und erfreut Jeff Kinney mit seinen Einfällen. Greg wird einfach nie langweilig. Das liegt an Kenney's großer Zeichen- und Erzählkunst. Und an dieser Stelle auch ein Lob an den Übersetzer Dietmar Schmidt, der sich bestimmt oft genug etwas einfallen lassen muss, damit die Gags auch auf Deutsch zünden. 

Dieses Mal freuen sich alle am ungewöhnlich warmen Winter, nur Greg macht sich Gedanken wie das wird mit der Klimaerwärmung, was das für Folgen ganz konkret für ihn hat. Schuldig fühlt er sich nicht, denn schließlich ist er gerade erst auf diesem Planet ANGEKOMMEN. Und wenn die Zukunft darin besteht, dass die Menschen Roboter-Körperteile haben, wäre das für Greg sogar nützlich, denn mit Roboterbeinen könnte er auf dem Schulweg ein halbes Stündchen länger schlafen. Über die Kälte, den Winter und seine Auswirkungen nimmt der Autor und Illustrator Jeff Kinney viele Abzweigungen in die Gedankenwelt des ewig elfjährigen Gregs und findet aber auch immer wieder zurück zur Hauptgeschichte. Und gerade, weil diese Überlegungen so eigenwillig sind, haben sie Universalcharakter und jeder, ob Erwachsener oder Kind, findet sich darin wieder.
Das liegt nicht nur an Baby Gibson, einem 32jährigen Jungen, der nie ÄLTER wird, noch bei seiner Großmutter lebt, aber schon zwei EIGENE Kinder hat, sondern auch an all den anderen NICHT-Freunden von Greg, die in seiner Straße wohnen und die er beschreibt und beobachtet und dann trotzdem mit ihnen in gemeinsame Erlebnisse stolpert. Man erfährt auch, warum Mädchen (in Gregs Schulklasse) klüger sind und Jungs nichts dafürkönnen. Wie genau oder ungenau ein Ziegenmann aussieht, ob oben Ziege und unten Mensch oder umgekehrt. Gregs bester Freund Rupert meint, der Ziegenmann sei in der Mitte geteilt, was konkret gleich weniger furchteinflößend aussieht, eher bekloppt. Aber als die beiden dann allein durch den verschneiten Wald stapfen, gruseln sie sich doch. Kurz ein Abenteuer jagt das nächste und bis zu Band 14 kann man sich ja sein Greg-Regal vornehmen und nochmal beim ersten Buch anfangen. Alle Geschichten sind nach wie vor erfrischend unverbraucht.  

Fazit: Auch wenn Greg von sich selbst in Band 13 behauptet, dass er nicht der HELDENHAFTE Typ ist, DIE WELT BRAUCHT MENSCHEN WIE GREG!!!


Weitere Infos zum Buch und Autor/Illustrator: hier auf der Website zu Gregs Tagebuch, 224 S., Hardcover, mit vielen Illustrationen, Baumhaus Verlag





Volker Kutscher
Moabit
Illustrationen und Gesamtgestaltung Kat Menschik

Wie Lotte zu Charly wurde
Wir kennen Charlotte Ritter als zweite Hauptfigur in Volker Kutschers „Der nasse Fisch“ und allen Folgebänden seiner nun als „Babylon Berlin“ verfilmten großartigen Krimireihe, die im Berlin der Zwischenkriegszeit spielt. Dieses wunderschön gestaltete Buch ist ein Schwenk zu ihrer Geschichte, ihrer Herkunft und Charakterisierung. Wir Leser erfahren, warum Charlotte Ritter so wurde, wie sie ist. Auch wenn sie erst spät in der Geschichte auftritt, fiebern wir beim Lesen bis zu ihrem Auftritt hin, denn schließlich ist sie auf dem Titelbild porträtiert. Der Kriminalfall ist im Vergleich zur Gereon-Rath-Reihe schlicht gehalten, aber nicht weniger spannend. Aus drei Perspektiven lesen wir über einen merkwürdigen Todesfall in Moabit, der Berliner Justizvollzugsanstalt, die eine Reihe prominenter Insassen gefangen hielt. Volker Kutscher wählt für die erste Sicht die ungewöhnliche Du-Perspektive, die etwas gewöhnungsbedürftig ist, aber im Rückblick Sinn macht.

Die Illustratorin Kat Menschik greift Begriffe aus dem Text und erhellt sie mit ihrer herausragenden Kunst. Das Buch hat ein handliches Format in edel bedrucktem Leineneinband, einen farbigen Schnitt und farbigen Vorsatz in einem satten Orange wie die geprägte Titelschrift „Moabit“. Der Text ist zweispaltig wie in einer Zeitung gesetzt und wird von zeitgenössischen Anzeigen und Illustrationen in blau, braun, schwarz und wieder von diesem Orange begleitet. Das trägt zum Eintauchen in die Atmosphäre von 1927 bei. Konsequent von den Autoren- und Illustratorinnen-Porträt auf der ersten Seite bis zur Werbung für die weiteren Bücher, der von Kat Menschiks ausgewählten Lieblingsbüchern ganz hinten im Buch.  Allein die Gesamtgestaltung ist also ein Betrachtungs- und Entdeckungsvergnügen und damit ein Geschenk nicht nur für Fans von Volker Kutscher, sondern auch für Liebhaber des besonderen Buches.

Weitere Infos zum Buch und dem Autor, samt Leseprobe, hier auf der Verlagsseite. Galiani Verlag, 88 S., Hardcover.




Volker Weidermann
Träumer
Als die Dichter die Macht übernahmen




Bald hundert Jahre her, die wenigen Tage in denen in München eine Räterepublik aus Künstlern an der Macht war. Mit großem Staunen und sehr berührt habe ich "Träumer" gelesen und die toll gestalteten CDs dazu zu hören. Als die Dichter die Macht übernahmen.



Am Ende wurde dieser waghalsige Versuch, in Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit miteinander zu leben, blutig niedergeschlagen, als dürften Träume nicht die Welt regieren. Und auch wenn sich die Leichen in der Stadt stapelten und viele Zeitzeugen nur zufällig mit dem Leben davon kamen, so gab es sie wirklich, diese Utopie, wenn auch nur kurz. Wie schreibt Volker Weidermann am Schluss: "Diese Geschichte ist nur falsch ausgegangen. Sie ist aber noch längst nicht zu Ende." 





Sofia Lundberg
Das rote Adressbuch
Roman

Ein Adressbuch enthält noch mehr Geheimnisse als ein Tagebuch. Nach dem Tod des Besitzers bleiben die Namen Schlüssel zu Lebensgeschichten, die vielleicht nie erzählt werden. Die Schwedin Sofia Lundberg nutzt diese Form der Namensauflistung von Personen, um die Biografie ihrer Heldin auszubreiten. Doris, eine über neunzig Jahre alte Schwedin und gebrechlich, skypt mit ihrer einzigen verbliebenen Verwandten, ihrer Großnichte Jenny in New York. Gleichzeitig erinnert sich Doris an die Menschen in ihrem Adressbuch, denen sie in ihrem Leben und auf ihrer Reise um die halbe Welt begegnete. Wie sie vor dem zweiten Weltkrieg erst als Dienstmädchen gearbeitet hat und dann als Model entdeckt wurde, wie sie Freunde verlor und andere fand. Welche Entbehrungen und Schicksalsschläge sie hinnehmen musste. Immer voller Sehnsucht nach ihrer großen ersten Liebe.
Gerade durch diese Form, der Wechsel aus der Gegenwart, Doris im Alter, in der Sie-Perspektive, und dann die mit den Namen betitelten Kapitel, die manchmal durchgestrichenen und mit „Tot“ versehen sind, aus der Ich-Perspektive von Doris geschrieben, machen den Reiz dieses Romans aus. Die Geschichte trägt viele autobiografische Anknüpfungspunkte. Die Arbeit als Model kennt Lundberg aus eigener Erfahrung und es gab eine Tante, die wie die Hauptfigur Doris hieß. Das Adressbuch in ihrer Hinterlassenschaft inspirierte Lundberg zu dem Roman.
In schnörkelloser Sprache, schnell zu lesen, hält sich die Autorin nicht mit historisch genauen Details oder Metaphern auf, sie konzentriert sich auf ihre Hauptfigur und ihre spannende Geschichte, das ist ein sehr berührender Lesespaß!

Weitere Infos zum Buch und dem Autor, samt Leseprobe, hier auf der Verlagsseite. Suhrkamp Verlag, 143 S., Hardcover.


Friedrich Ani

Der Narr und seine Maschine

Ein Fall für Tabor Süden

 

Hurra, Süden ist weiter Finder von vermissten Leuten! Wie schreibt man über eine Figur, die mich schon ein Schreiblebenlang begleitet? Wie finde ich Worte für meine Ehrfurcht und den Respekt, den ich vor allen Süden und den Friedrich-Ani-Büchern habe? Romane zum Eintauchen, sich daran Freuen, zum Staunen und Nicken. Ja, das ist Literatur, das ist Schreibkunst, das ist der Grund, warum ich so gerne lese und froh bin, dass es zum Glück immer wieder solche Bücher gibt. Diese Geschichte wird auf und im Buch nicht mal mehr als Roman bezeichnet, sondern schlicht untertitelt: Ein Fall für Tabor Süden. A fool and his machine, das vorangestellte Motto von Cornell Woolrich hat Friedrich Ani wohl zu der Geschichte inspiriert. Ich stelle mir vor, dass er sich überlegt hat, was damit gemeint sein könnte und dann seine Version davon erzählt. Im Laufe des Lesens habe ich das Motto vergessen, auch wenn die Maschine vorzeitig auftaucht. Ich war zu sehr von dem Geschehen, das ja bei Süden oder Ani überhaupt relativ dezent ist (keine Krimiaction, sondern genaueste Beobachtung feinster Gemütszustände) und wurde dann am Ende davon überrascht. Mit einem Lächeln las ich das Motto nochmal, ja, so könnte es gewesen sein. Amüsiert lese ich gerne auch Anis „Überlegungen“ zum Alkohol („Er hatte einen leichten Biergang“, in anderen Romanen ist mancher„bebiert“), die mich an Stephen King und seine lebenslange Auseinandersetzung mit dem Suff oder der Kontrolle erinnern.
Und dann freute ich mich an den unvergesslichen Sätzen, die wie schon der Titel eigene kleine Geschichten erzählen. Sätze wie: Für Cornelius Hallig schien das Wetter nicht zuständig. Oder: Obwohl er unzählige Arten des Schweigens beherrschte und einige davon vermutlich erfunden hatte, wäre der ehemalige Kommissar nie auf die Idee gekommen, sich auf diese Weise trotzig zu stellen. Oder: Dieser Ort bewohnte der Schatten eines Unsichtbaren.
Und von was handelt das Buch eigentlich? Ich sage nur: SelbstLESEN!



Weitere Infos zum Buch und dem Autor, samt Leseprobe, hier auf der Verlagsseite. Suhrkamp Verlag, 143 S., Hardcover.





Christoph Niemann
Wörter

Ein Wörterbuch der besonderen Art.
Der international bekannte deutsche Künstler Christoph Niemann, der offenbar nur noch englisch spricht, jedenfalls werden all seine Bücher übersetzt, hat ein neues Buch veröffentlicht. Zwei Wörter pro Doppelseite erzählen manchmal eine gemeinsame Geschichte, manchmal auch getrennte Geschichten, die es erst zu ergründen gilt.  Unter einem Seil, das fast reißt, steht zum Beispiel „bis“. Daneben starrt ein Junge von einem Sprungbrett auf die Wasseroberfläche, darunter steht „wagen.“ Oder eine „Straße“ führt über beide Seiten, rechts zweigt sie aber zu einem „Haus“ ab. Oder links sieht man eine schwarze, stilisierte Katze, rechts viele verschiedenartige Katzenköpfe die das Wort „Katze“ buchstabieren. Christoph Niemann erfasst mit seiner genialen Zeichen- und Wortkunst das Wesentliche der Wörter und zeigt damit das schöpferisch, spielerische der Sprache auf. Jede Seite ist ein Hochgenuss, hier gibt es keinen falsch gesetzten Pinselstrich. Die Bilder wirken auf den ersten Blick wie Piktogramme, sie erfassen aber durch diese Reduzierung auf kunstvolle Weise auch Gefühle. Wie stellt man Angst dar oder die Doppelsinnigkeit des Wortes Strauß? Das müssen Sie sich selbst anschauen oder besser eintauchen und genießen. Das Buch ist dazu noch eine gelungene Gesamtkomposition, manche Wörter sind farbig, auch einige Seiten, auch der Vorsatz mit den Sprechblasen und der buddelnde Hund, der sich unter dem Schutzumschlag befindet. Das alles hebt den Spielcharakter hervor und zeichnet dieses Prachtstück zu meinem Leselieben-Liebling aus.
Wie schön ist es, einem Kind, einem Freund oder sich selbst Wörter mit diesem wunderbaren Buch zu schenken!

Weitere Infos zum Buch und dem Autor und Illustrator, hier auf der Verlagsseite.
Diogenes Verlag, 352 S., Hardcover mit vielen Abbildungen.





Moira Weigel
Dating
Eine Kulturgeschichte

Auch wenn sich dieses spannende Sachbuch über das „Werben um die Liebe“ hauptsächlich auf die Flirtgepflogenheiten in Amerika bezieht, ist es durchaus auf Europa zu münzen, denn viele der Einwanderer in die USA Anfang des 20. Jahrhunderts stammten aus Europa. So quetschten sich in die engen Stadtwohnungen, in den bereits Iren hausten, nach und nach zugereiste Italiener und Osteuropäer. Moira Weigel schreibt in lockerem Kolumnenstil, was sich gerade dadurch spannend liest und interessante Einblicke in ein, wie ich finde, schwer zu greifendes Thema gibt. Ausgehend von der Gegenwart, dass das Dating tot sei und „einem Durcheinander an Mutmaßungen und Überzeugungen“ in ihrem eigenen Bekanntenkreis, forscht Moira Weigel in der Vergangenheit. Alles fing mit dem „weiblichen Begehren“ an. Früher, auf dem Land, gab es kaum unbeobachtete Gelegenheiten, dass sich junge Paare trafen. Außerdem war fast jeder auf einem Dorf, mit dem man sich verabredete, jemand, den man sowieso schon kannte. In der Anonymität der Großstadt fing „frau“ an, über sich selbst zu bestimmen. Doch in die engen Räumlichkeiten, meist von mehreren Verwandten bewohnten Zimmer, jemanden mitzubringen, war fast unmöglich, also traf man sich in der Öffentlichkeit. Man hatte ein „Date“.

Moria Weigel erzählt nicht nur Anekdoten rund um das aufregende erste Treffen, sie bezieht auch Romane, Fernsehserien und Filme mit ein. Mit ihrer klugen Kulturgeschichte bringt sie Struktur in die Gefühle zwischen zwei Menschen und gibt uns Lesern Einblick in das komplizierte Verhalten, das wir nicht nur vom Hörensagen kennen. Dabei erfahren wir mehr über den Umgang mit Sexualität, Beziehungen und Wertvorstellungen unserer Vorfahren, die sich versteckt oder offensichtlich auch in der Gegenwart wiederfinden. Am Ende sind wir bei den Errungenschaften der Emanzipation oder bei der Liebe (wie das letzte Kapitel heißt), wobei es Feministinnen gibt, die behaupten, die Liebe sei schlecht für uns. Verlassen wir uns lieber auf das Mindesthaltbarkeitsdatum.

Weitere Infos zum Buch und der Autorin, hier auf der Verlagsseite.

btb Verlag, 352 S., Taschenbuch.