Wenn Sie Interesse haben, Ihre eigene Romanfiguren live zu erleben, dann melden Sie sich zu einem Workshop für kreatives Schreiben an, den ich als Dozentin in mehreren Städten anbiete: 


30. - 31.03.19, Starnberg, VHS, Infos und Anmeldung hier



17.05.19, Berlin, bei der "Narrativa", der Autorentagung der Text-ManufakturInfos und Anmeldung hier.



21.06. - 23.06.19, Rendsburg, Nordkolleg, Infos und Anmeldung hier.



09.11. - 10.11.19, München, Text-Manufaktur, im Literaturkeller des Stemmerhofs. Infos und Anmeldung (ab März) hier

                                         


Anmeldung jederzeit möglich, Düsseldorf, Edition Oberkassel Akademie, Infos und Terminfindung hier.



Wenn Sie per Mail über neue Lesungs- oder Workshoptermine informiert werden möchten, schreiben Sie mir bitte.  






Herzlich Willkommen auf meiner Website. Ich bin Stephanie Schuster und Schriftstellerin, Illustratorin, Buchbloggerin und Dozentin für "literarisches Figurenaufstellen".

Hier schreibe ich über 
Bücher anderer Autoren, die mich begeistern, erstaunen, beschäftigen, inspirieren. Neuerscheinungen, Klassiker aus meinem Bücherregal. Gelegentlich auch über Enttäuschungen, Bücher, die zuviel versprochen haben. Aber wie immer gilt, jedes Buch schlage ich mit Neugier auf, bereit, in die Geschichte oder die Bilder einzutauchen...



Es handelt sich um (unbezahlte) Werbung für Bücher, gelegentlich erhalte ich ein Rezensionsexemplar der Verlage. Ansonsten kaufe ich die Bücher in meinen Lieblingsbuchhandlungen. Die Verlinkungen zu den Infoseiten sind § 2 Nr. 5 TMG gekennzeichnet.




Mikael Engström
Kaspar und Opa
Illustriert von Peter Schössow
Alle Geschichten
ab 10 Jahren
 
Kaspar wächst bei seinem Opa auf. Und wie es sich für einen richtigen Opa gehört, ist der ein Eigenbrötler, ein ganz besonderer Mensch genau wie Kaspar. Sie leben vom Holzpferdchen schnitzen und eigentlich vom Anschreiben beim Kaufmann, der die Holzpferdchen fürs Doppelte weiterverkauft. Es reicht zum Leben, aber nicht, um Kaspars Träume zu erfüllen, also müssen die beiden nachhelfen. Auch Opa hat Träume und mit seiner Sturheit fühlen sie sich sehr real an. Beim Lesen ist man ständig am Schmunzeln und Staunen. Wie heißt es auf Seite 11: "Das Ungewöhnlichste kann zugleich das Schönste sein." Kaspar versteht oft nicht gleich, was Opa meint, aber das spielt keine Rolle. Keiner versteht den anderen wirklich, aber es ist spannend in die Welten des Gegenübers einzutauchen. Wie zum Beispiel Opas Freund Birger, der immer nur an einem Bild malt und damit versucht, den Blick aus seinem Fenster abzubilden. Das gelingt ihm natürlich nie, denn die Landschaft verändert sich ständig. Als Opa ihn fragt, warum er nicht viele verschiedene Bilder malt anstatt nur das eine, antwortet Birger: „Das hab ich mich auch schon gefragt, aber das hier will ja einfach nicht fertig werden.“ 
Kaspar entdeckt seine eigene Welt an der Seite von Lisa, die manches erschreckend nüchtern betrachtet, aber mit ihr sind die Abenteuer viel aufregender.  

Man fühlt sich an Astrid Lindgrens Geschichten erinnert, aber auch an Petterson und Findus, das liegt an der schwedischen Heimat der Figuren und des Autors, aber auch an der besonderen Art der Erzählung. Hier wird kein Blatt vor den Mund genommen, Kinder und Erwachsene werden dargestellt wie sie sind und reden. Mikael Engström ist ein feinfühliger Beobachter, der seine Figuren ernst nimmt. Ob die Romane bei der Zielgruppe die gleiche Begeisterung hervorrufen wie bei mir als Erwachsene, habe ich noch nicht herausgefunden. Ich würde sowieso sagen, dass es zeitlose Geschichten sind, für alle, die wir mal Kinder waren und immer noch sind. 

Jedes Kapitel begleiten wunderschöne Illustrationen von Peter Schössow. Ohne die Charaktere für den Leser zu genau darzustellen, fasst er die Stimmungen der Szenen sehr prägnant ein. So sind Opa und Kaspar mehr Schattenrisse in Grauabstufungen, und trotzdem mit liebevoll-kunstvoll ausgestatteten Details gezeigt. 

Wie wunderbar, dass die drei Romane nun in diesem Sammelband vereint lieferbar sind. 

Weitere Infos:
Zum Autor und zum Buch, hier, im dtv-Verlag, 576 S. Hardcover. 
Zu Hinweisen zum Illustrator geht's hier. 



Michael Robotham
Die andere Frau
Psychothriller

Als ich nach dem vierten erschienenen Thriller erst diesen Autor begegnete, las ich mich rückwärts durch sein Werk und liebte es. Die Hauptfigur, der an der Parkinson-Krankheit leidenden Psychologen Joe O’Loughlin begeisterte mich. So freute ich mich auf dieses neue Buch, dessen Covergestaltung in blau und grau Tönen gelungen ins Auge fällt. O‘ Louglins Vater ist schwer verletzt, als Täterin gilt seine Lebensgefährtin, die sich sogar als seine Frau ausgibt, dabei ist sein Vater bereits verheiratet.
Aber auch, wenn es dieses Mal ein sehr persönlicher Kriminalfall wird, den der Psychologe aufzuklären hat, ist es trotz hoher Seitenzahl ein handlungsarmes, eher „dünnes“ Buch geworden. Viele überflüssige Dialoge erstrecken sich über die Kapitel, fast in lähmender Echtzeit begleitet der Leser die Hauptfigur auf seiner Reise zur Wahrheit, indem er tiefer in sein familiäres Umfeld einsteigt. Das empfand ich beim Lesen als zu eindimensional und reicht leider auch nicht für einen Psychothriller, der wendungsreich sein und vor allem mit Spannung überzeugen sollte. Schade!

Weitere Infos;
Zum Autor und der Thriller-Reihe, hier, im Goldmann Verlag, 480 S., Paperback. 



Tom Rachman
Die Gesichter
Roman
Aus dem Englischen von Bernhard Robben

Ein Künstlerroman, überbordend, als wären alle Farben auf einmal aus den Tuben gedrückt. Bear Bavinsky, als Maler weltberühmt, ist getrieben von seiner Kunst, lebt und existiert nur für sie und durch sie. Seine Frauen, seine vielen Kinder dienen seinen Werken. Exzessive Künstlergespräche, fulminante Ausstellungen, Begegnungen mit prominenten Künstlern wie Picasso, an dessen Lebensstil und Werk vermutlich inspiriert ist. Auf Vernissagen gibt sich der Maler bescheiden, will hinter seinem Werk zurücktreten. Nichts ist normal in diesem Leben, alles extrem. Einer seiner Söhne, Pinch, versucht sich aus diesen Fesseln zu befreien und seinen eigenen Weg zu finden. Er baut sich ein bürgerliches Leben auf, kommt aber nicht los von seinem Vater. Das klingt vielversprechend, liest sich leider anstrengend. Es gibt viele kluge Sätze in dem Buch, aber meistens wirkt der Roman durch die vielen Beschreibungen und auf einander donnernder Adjektive überfrachtet.  Anfangs kann man kaum eine Handlung ausmachen, die bedeutungsschweren Episoden aus dem Leben der Figuren reihen sich aufeinander, sodass beim Lesen kaum Luft zum Atemholen bleibt. Es fehlt die Sprachmelodie, auch mal leise im Lauten ist, das Auf und Ab, das auch beim Malen, der eigentlichen Beschäftigung mit Farbe und Material stattfindet.  So gelang es mir leider nicht, trotz hoher Erwartung, in das Buch einzutauchen und mich von dieser Künstlerwelt mitreißen zu lassen.

Weitere Infos:
Zum Autor und zum Buch, hier, im dtv-Verlag, 416 S. Hardcover. 

Lisa Brennan-Jobs
Beifang
Eine Kindheit wie ein Roman


Als erstes stach mir das Cover ins Auge, der Umriss einer Frau, die eine Welt ins sich birgt. Danach machte mich der Untertitel neugierig: Eine Kindheit wie ein Roman. Und erst zum Schluss löste der Doppelname der Autorin eine Assoziation aus. Handelt es sich hier um die Tochter von Steven Jobs, dem Erfinder des Mac-Computers? Ja, genau Lisa, die er angeblich vergessen oder ignoriert hat in seinem rel. kurzen Leben. Nun meldet sie sich mit diesem autobiografischen Roman zu Wort. Und es ist mehr als ein Sachbuch, es ist ein kunstvoll literarisches Buch voller origineller Bilder und Wendungen. Allerdings weiß man das Ende im Voraus und so fehlt etwas die Spannung beim Lesen. 

Fühlt sich die Autorin als „Beifang“ wie der Titel sagt? Als Fischlein, dass nur durch die Berühmtheit ihres Vaters gehört wird? Ja und nein, Lisa Brennan-Jobs erzählt ihre ganz eigene Geschichte. Ein Leben in Armut und Unsicherheit, aber auch in Fantasie, Hoffnung und Träumen, bestimmt vom Tauziehen zwischen Mutter und Vater, versucht sie ihren eigenen Weg zu finden, in ein selbstbestimmtes Leben. Ihre Mutter ist Künstlerin ohne festen Wohnsitz, ihr Vater ein Millionär, der sich nicht zu ihr bekennt, aber seine erste Erfindung nach ihr benennt. Kurz vor seinem Tod begegnet sie sich dann doch. Das Buch ist keine Abrechnung, sondern ein Einblick in das schwierige Leben an der unsichtbaren Seite einer Berühmtheit, im Kampf um Selbstbehauptung, Anerkennung und Liebe.  

Weitere Infos:

Zur Autorin und zum Buch, hier, im Berlin Verlag, 384 S., Hardcover. 






Ryder Carroll
Die Bullet-Journal-Methode
übersetzt von Viola Krauß

Verstehe deine Vergangenheit, ordne deine Gegenwart, gestalte deine Zukunft, lautet der Untertitel. Bisher erklärte der Autor Ryder Carroll auf seiner legendären Website die von ihm erfundene Methode des Achtsamkeits-Tagebuch-Kalenders, nun liegt sein erstes Buch vor. Und um es vorweg zu nehmen, es ist keine Nacherzählung des bereits bekannten, sondern eine sehr gelungene Mischung aus Erlebnisbericht und Anleitung. Dazu kommt die wunderschöne Aufmachung des Buches (strahlendes Titelbild und zwei (!) Lesebändchen). Auch der Übersetzerin Viola Krauß gebührt ein großes Lob, sie hat die Notizbuchgedanken so klug und nachvollziehbar ins Deutsche übertragen.
Um was geht es überhaupt? Ryder Carroll litt an ADHS und wusste seine Termine und Gedanken kaum unter einen Hut zu bringen, geschweige denn in einen gewöhnlichen Kalender reinzuquetschen. Also fing er an, ein spezielles Notizbuch zu entwerfen. Eines, das beim Denken entsteht und nicht schon vorgefertigt ist.
In den ersten beiden Teilen zeigt Carroll wie man ein Bullet-Journal führen kann und in den letzten beiden Teilen, warum man es führen sollte. Erst die Anleitung, dann die Verfeinerung sozusagen. Dabei richtet er sich nicht nur an künstlerisch begabte Menschen, die ihren Notizbuchkalender ausschmücken wollen, wie man es z. B. auf zahlreichen Instagramseiten bewundern kann (#bujo), sondern an jeden, der sich (mit oder ohne ADHS) gerne verzettelt und mehr Ordnung und Struktur in den Alltag und in die Gedanken und Erlebnisse bringen möchte. Kurz er wendet sich an alle, die ein zielgerichtetes, aber achtsames Leben führen möchten.
Schritt für Schritt lädt das Buch ein, sofort oder idealerweise zum neuen Jahr zu beginnen. Dabei hält er ein Plädoyer für das Schreiben per Hand. Smartphone und Computer mal ausschalten, um mit der Verbindung durch Hand und Kopf neue unkonventionelle Lösungen und Einsichten hervorbringen zu können. Dass er am Ende des Buchs auf seine Bullet-Journal-App hinweist, sei ihm verziehen. Wir leben nun mal im Zeitalter, in dem das Schreiben per Hand Luxus bedeutet und Handlettering genannt wird. Weg von der Copy-und-Paste-Welt beschreiten wir so den „langsamen“ Weg und filtern so manches Signal aus dem großen Rauschen um uns herum heraus. Anders als ein gewöhnlicher Kalender, der den Tag oder die Wochen im Voraus auflistet, arbeitet man hier mit spontanen Einfällen und überträgt sie danach. Man streicht aus, was überflüssig ist, markiert was wichtig ist und trägt es in den nächsten Tag ein, wenn es noch nicht erledigt wurde.
Klingt komplizierter als es ist, einmal angefangen und inspiriert schreibt jeder sein eigenes Bullet-Journal. Es hilft den Kopf frei zu kriegen und sich am eigenen Werk zu erfreuen. Mit den Jahren wächst somit eine Bibliothek aus Bullet-Journals heran, die mit dem eigenen Leben gefüllt ist.


Weitere Infos:
Zum Autor und zum Buch, hier, im Rowohlt-Verlag, 352 S. Hardcover mit Beispiel-Abb., zur Website von Ryder Carroll, des Erfinders des Bullet-Journals, geht’s hier



Volker Kutscher
Marlow
Der siebte Rath-Roman

Mit der ungewöhnlichen Du-Perspektive wird der siebte Roman der Reihe eröffnet. Der Erzähler spricht jemanden an und berichtet zugleich von diesem „Du“, als wüsste er dessen Schritte im Voraus. Ich mag so etwas sehr, der Autor wagt etwas, bricht mit dem Erzählschema. Das fordert den Leser, bereichert und macht neugierig auf die Fortsetzung. So stellt sich bei Volker Kutscher niemals Langeweile ein.
Das liegt natürlich auch an der Handlung. 1935, Oberkommissar Rath (endlich wurde er befördert) ist mit zwei Leichen in einer Kraftdroschke, wie das Taxi damals genannt wurde, konfrontiert. Seine Ehefrau Charly arbeitet inzwischen nicht mehr bei der Polizei, sondern als Privatdetektivin. Die Nazimethoden und auch das Hitler-Anhimmeln ihrer Kolleginnen verleideten ihr die Polizeiarbeit. Rath schlägt sich dagegen weiter durch, nuschelt den Hitlergruß und macht nur gelegentlich Männchen, wie er das Hab-Acht der Nazis nennt. Doch als er seinen Pflegesohn in Nürnberg beim Reichsparteitag besucht, erlebt er was Massenhysterie heißt. Es reißt es auch ihn mit, und er fängt an, alles zu hinterfragen. Fritz, den wir aus den Vorgängerbänden kennen und ins Herz geschlossen haben, ist bei der Hitlerjugend und marschiert von Berlin zu Fuß nach Nürnberg, um zusammen mit dem ganzen Jungvolk dem „Führer“ die Ehre zu erweisen. Rath wäre nicht Rath, wenn er nicht auch wegen seiner Ermittlungen nach Nürnberg reist. Samt Schwiegermutter, die ebenfalls Anhängerin des neuen Regimes ist und mitfährt. Und dann stellen die Raths plötzlich fest, dass der Fall mehr mit ihnen persönlich zu tun hat, als sie dachten. Und auf einmal ist nicht nur Charly in Lebensgefahr.
Detailgetreue Ermittlung innerhalb der komplizierten politischen Umstände und das Einfangen der besonderen Atmosphäre der dreißiger Jahre in der untergehenden Weimarer Republik zeichnet auch diesen Roman aus und macht ihn wieder zu einem großartigen Lesevergnügen. Marlow, der Doktor der Berliner Unterwelt, wird diesmal zur titelgebenden Figur und versucht die entscheidenden Fäden zu ziehen. Doch am Ende muss sich erst noch herausstellen, wer der eigentliche Marionettenspieler ist.

Weitere Infos:


Diana Hillebrand

Zuhause im Café

Mit Fotografien von Johannes Schimpfhauser

Eine koffeinhaltige Reise durch München

„Die Welt passt in ein Café“ schreibt die Münchner Autorin Diana Hillebrand einleitend. Man findet sie oft mit ihrem Notizbuch in einem der Cafés. Wer sich inspirieren lassen möchte, den Kopf frei kriegen, vor der zusammenbrechenden Decke zuhause flieht, sich mit einer Freundin treffen möchte oder einfach nur entspannt den herrlichen Duft von frischem Kaffee genießen will, wird mit diesem Buch bereichert und eingeladen auf Entdeckungsreise zu gehen. Jedes Café hat seine Besonderheit, sei es „Henry hat Hunger“, „Zimtzicke“ oder „White Rabbit’s Room“, die allein durch den Namen schon neugierig machen. Oder die Philosophie, die hinter der jeweiligen Cafégründung liegt. Eigene Röstungen, Buchladen mit Kaffee und Kuchen, ehrliches Essen, Glücksgefühle, was will man mehr? Auf diese Weise lebt die uralte Kaffeehauskultur wieder auf. Diana Hillebrand hat sich lange mit den Cafébetreibern unterhalten und erzählt die Geschichten, die zur Gründung des Cafés führten. Die vom „Café Schuntner“ am Sendlinger Tor, das 1947 von der damaligen amerikanischen Militärregierung genehmigt werden musste, um aufmachen zu können. Oder die des kleinsten Cafés namens „Henry hat Hunger“, das mit seinen blau-weißen Kacheln an einen Milchladen erinnert. Im „Café Bla“ werden die Zimtschnecken zum Schutz vor Trollen hinter Glas eingesperrt. Und im „Buchcafé Lentner“ kann man auf einem Omasofa Kaffee genießend in Büchern schmökern. So erfährt man schon vorab mehr über das jeweilige Café, als man als Gast vermutet und kann so mit ganz anderen Augen und Erwartungsfreude zum Kaffeetrinken und Kuchenessen gehen. Aber auch für die, die lieber zuhause bleiben, ist das Buch mit Rezepten, Handletteringüberschriften und den wunderschönen Fotografien von Johannes Schimpfhauser eine Augenweide. Beim Betrachten, Lesen und in der Handhalten fühlt man sich tatsächlich auch im eigenen Heim wie in einem Café. Aber natürlich ist man schnell verleitet, sich mit dem Buch als Reiseführer aufzumachen und diese fünfunddreißig Münchner Perlen zu entdecken. Was nicht zuletzt eine besondere Art ist, München, auch als Einheimischer neu kennenzulernen.

Ein Geschenk zum Zuhausefühlen und sich ins Café sehnen.


Weitere Infos:
Zum Buch und zur Autorin, hier auf der Verlagsseite
Zur Autorin und Schreibcoach-Dozentin Diana Hillebrand auf schreibundweise.
Volk Verlag, 352 S., Hardcover mit vielen Fotos.




Nathalie Boegel
Berlin Hauptstadt des Verbrechens
Die dunkle Seite der Goldenen Zwanziger

Bekannte und unbekannte Kriminalfälle aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen stellt die Autorin in diesem spannenden Buch vor. Ob die Attentate auf Politiker wie den Pazifisten Walter Rathenau oder die Wettbetrügereien des Max Klante, ein Porträt des legendären Mordinspektors Ernst Gennat oder eines von „Hitlers Scharfmacher“ Joseph Goebbels. Das Buch beginnt mit den Geburtswehen der Weimarer Republik und ihren kleinen und großen Kriminalgeschichten, leitet in das wilde Berlin der goldenen Zwanziger Jahre über und endet in der Dunkelheit des Dritten Reiches, in dem Terror gegen alles und jeden vorherrschte. Das liest sich gruselig-spannend mit Parallelen zur Gegenwart und ein Hoffen auf ein „Nie wieder“. Man erfährt etwas über die Anfänge der Kriminalistik und freiheitliche Ansätze in dieser kurzlebigen Demokratie der zwanziger und dreißiger Jahre. Ausgestattet mit vielen Fotos und einem Berliner Stadtplan im Vorsatz, in dem die Fälle eingezeichnet sind, kann das Buch auch als Reiseführer beim nächsten Berlinbesuch benutzt werden. Abgerundet mit einem Literaturverzeichnis, das zum Weiterlesen verführt und einem nützlichen Register ist das Buch ein besonderes Geschenk für alle Berlin- und Krimifans.

Weitere Infos:








Jeff Kinney
Gregs Tagebuch 13
Eiskalt erwischt!
Comic-Roman
Ab 10 Jahren

Aller guten Bücher sind dreizehn! Wie jedes Jahr um diese Zeit „gregt“ es wieder und erneut überrascht und erfreut Jeff Kinney mit seinen Einfällen. Greg wird einfach nie langweilig. Das liegt an Kenney's großer Zeichen- und Erzählkunst. Und an dieser Stelle auch ein Lob an den Übersetzer Dietmar Schmidt, der sich bestimmt oft genug etwas einfallen lassen muss, damit die Gags auch auf Deutsch zünden. 

Dieses Mal freuen sich alle am ungewöhnlich warmen Winter, nur Greg macht sich Gedanken wie das wird mit der Klimaerwärmung, was das für Folgen ganz konkret für ihn hat. Schuldig fühlt er sich nicht, denn schließlich ist er gerade erst auf diesem Planet ANGEKOMMEN. Und wenn die Zukunft darin besteht, dass die Menschen Roboter-Körperteile haben, wäre das für Greg sogar nützlich, denn mit Roboterbeinen könnte er auf dem Schulweg ein halbes Stündchen länger schlafen. Über die Kälte, den Winter und seine Auswirkungen nimmt der Autor und Illustrator Jeff Kinney viele Abzweigungen in die Gedankenwelt des ewig elfjährigen Gregs und findet aber auch immer wieder zurück zur Hauptgeschichte. Und gerade, weil diese Überlegungen so eigenwillig sind, haben sie Universalcharakter und jeder, ob Erwachsener oder Kind, findet sich darin wieder.
Das liegt nicht nur an Baby Gibson, einem 32jährigen Jungen, der nie ÄLTER wird, noch bei seiner Großmutter lebt, aber schon zwei EIGENE Kinder hat, sondern auch an all den anderen NICHT-Freunden von Greg, die in seiner Straße wohnen und die er beschreibt und beobachtet und dann trotzdem mit ihnen in gemeinsame Erlebnisse stolpert. Man erfährt auch, warum Mädchen (in Gregs Schulklasse) klüger sind und Jungs nichts dafürkönnen. Wie genau oder ungenau ein Ziegenmann aussieht, ob oben Ziege und unten Mensch oder umgekehrt. Gregs bester Freund Rupert meint, der Ziegenmann sei in der Mitte geteilt, was konkret gleich weniger furchteinflößend aussieht, eher bekloppt. Aber als die beiden dann allein durch den verschneiten Wald stapfen, gruseln sie sich doch. Kurz ein Abenteuer jagt das nächste und bis zu Band 14 kann man sich ja sein Greg-Regal vornehmen und nochmal beim ersten Buch anfangen. Alle Geschichten sind nach wie vor erfrischend unverbraucht.  

Fazit: Auch wenn Greg von sich selbst in Band 13 behauptet, dass er nicht der HELDENHAFTE Typ ist, DIE WELT BRAUCHT MENSCHEN WIE GREG!!!


Weitere Infos zum Buch und Autor/Illustrator: hier auf der Website zu Gregs Tagebuch, 224 S., Hardcover, mit vielen Illustrationen, Baumhaus Verlag





Volker Kutscher
Moabit
Illustrationen und Gesamtgestaltung Kat Menschik

Wie Lotte zu Charly wurde
Wir kennen Charlotte Ritter als zweite Hauptfigur in Volker Kutschers „Der nasse Fisch“ und allen Folgebänden seiner nun als „Babylon Berlin“ verfilmten großartigen Krimireihe, die im Berlin der Zwischenkriegszeit spielt. Dieses wunderschön gestaltete Buch ist ein Schwenk zu ihrer Geschichte, ihrer Herkunft und Charakterisierung. Wir Leser erfahren, warum Charlotte Ritter so wurde, wie sie ist. Auch wenn sie erst spät in der Geschichte auftritt, fiebern wir beim Lesen bis zu ihrem Auftritt hin, denn schließlich ist sie auf dem Titelbild porträtiert. Der Kriminalfall ist im Vergleich zur Gereon-Rath-Reihe schlicht gehalten, aber nicht weniger spannend. Aus drei Perspektiven lesen wir über einen merkwürdigen Todesfall in Moabit, der Berliner Justizvollzugsanstalt, die eine Reihe prominenter Insassen gefangen hielt. Volker Kutscher wählt für die erste Sicht die ungewöhnliche Du-Perspektive, die etwas gewöhnungsbedürftig ist, aber im Rückblick Sinn macht.

Die Illustratorin Kat Menschik greift Begriffe aus dem Text und erhellt sie mit ihrer herausragenden Kunst. Das Buch hat ein handliches Format in edel bedrucktem Leineneinband, einen farbigen Schnitt und farbigen Vorsatz in einem satten Orange wie die geprägte Titelschrift „Moabit“. Der Text ist zweispaltig wie in einer Zeitung gesetzt und wird von zeitgenössischen Anzeigen und Illustrationen in blau, braun, schwarz und wieder von diesem Orange begleitet. Das trägt zum Eintauchen in die Atmosphäre von 1927 bei. Konsequent von den Autoren- und Illustratorinnen-Porträt auf der ersten Seite bis zur Werbung für die weiteren Bücher, der von Kat Menschiks ausgewählten Lieblingsbüchern ganz hinten im Buch.  Allein die Gesamtgestaltung ist also ein Betrachtungs- und Entdeckungsvergnügen und damit ein Geschenk nicht nur für Fans von Volker Kutscher, sondern auch für Liebhaber des besonderen Buches.

Weitere Infos zum Buch und dem Autor, samt Leseprobe, hier auf der Verlagsseite. Galiani Verlag, 88 S., Hardcover.




Volker Weidermann
Träumer
Als die Dichter die Macht übernahmen




Bald hundert Jahre her, die wenigen Tage in denen in München eine Räterepublik aus Künstlern an der Macht war. Mit großem Staunen und sehr berührt habe ich "Träumer" gelesen und die toll gestalteten CDs dazu zu hören. Als die Dichter die Macht übernahmen.



Am Ende wurde dieser waghalsige Versuch, in Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit miteinander zu leben, blutig niedergeschlagen, als dürften Träume nicht die Welt regieren. Und auch wenn sich die Leichen in der Stadt stapelten und viele Zeitzeugen nur zufällig mit dem Leben davon kamen, so gab es sie wirklich, diese Utopie, wenn auch nur kurz. Wie schreibt Volker Weidermann am Schluss: "Diese Geschichte ist nur falsch ausgegangen. Sie ist aber noch längst nicht zu Ende." 





Sofia Lundberg
Das rote Adressbuch
Roman

Ein Adressbuch enthält noch mehr Geheimnisse als ein Tagebuch. Nach dem Tod des Besitzers bleiben die Namen Schlüssel zu Lebensgeschichten, die vielleicht nie erzählt werden. Die Schwedin Sofia Lundberg nutzt diese Form der Namensauflistung von Personen, um die Biografie ihrer Heldin auszubreiten. Doris, eine über neunzig Jahre alte Schwedin und gebrechlich, skypt mit ihrer einzigen verbliebenen Verwandten, ihrer Großnichte Jenny in New York. Gleichzeitig erinnert sich Doris an die Menschen in ihrem Adressbuch, denen sie in ihrem Leben und auf ihrer Reise um die halbe Welt begegnete. Wie sie vor dem zweiten Weltkrieg erst als Dienstmädchen gearbeitet hat und dann als Model entdeckt wurde, wie sie Freunde verlor und andere fand. Welche Entbehrungen und Schicksalsschläge sie hinnehmen musste. Immer voller Sehnsucht nach ihrer großen ersten Liebe.
Gerade durch diese Form, der Wechsel aus der Gegenwart, Doris im Alter, in der Sie-Perspektive, und dann die mit den Namen betitelten Kapitel, die manchmal durchgestrichenen und mit „Tot“ versehen sind, aus der Ich-Perspektive von Doris geschrieben, machen den Reiz dieses Romans aus. Die Geschichte trägt viele autobiografische Anknüpfungspunkte. Die Arbeit als Model kennt Lundberg aus eigener Erfahrung und es gab eine Tante, die wie die Hauptfigur Doris hieß. Das Adressbuch in ihrer Hinterlassenschaft inspirierte Lundberg zu dem Roman.
In schnörkelloser Sprache, schnell zu lesen, hält sich die Autorin nicht mit historisch genauen Details oder Metaphern auf, sie konzentriert sich auf ihre Hauptfigur und ihre spannende Geschichte, das ist ein sehr berührender Lesespaß!

Weitere Infos zum Buch und dem Autor, samt Leseprobe, hier auf der Verlagsseite. Suhrkamp Verlag, 143 S., Hardcover.


Friedrich Ani

Der Narr und seine Maschine

Ein Fall für Tabor Süden

 

Hurra, Süden ist weiter Finder von vermissten Leuten! Wie schreibt man über eine Figur, die mich schon ein Schreiblebenlang begleitet? Wie finde ich Worte für meine Ehrfurcht und den Respekt, den ich vor allen Süden und den Friedrich-Ani-Büchern habe? Romane zum Eintauchen, sich daran Freuen, zum Staunen und Nicken. Ja, das ist Literatur, das ist Schreibkunst, das ist der Grund, warum ich so gerne lese und froh bin, dass es zum Glück immer wieder solche Bücher gibt. Diese Geschichte wird auf und im Buch nicht mal mehr als Roman bezeichnet, sondern schlicht untertitelt: Ein Fall für Tabor Süden. A fool and his machine, das vorangestellte Motto von Cornell Woolrich hat Friedrich Ani wohl zu der Geschichte inspiriert. Ich stelle mir vor, dass er sich überlegt hat, was damit gemeint sein könnte und dann seine Version davon erzählt. Im Laufe des Lesens habe ich das Motto vergessen, auch wenn die Maschine vorzeitig auftaucht. Ich war zu sehr von dem Geschehen, das ja bei Süden oder Ani überhaupt relativ dezent ist (keine Krimiaction, sondern genaueste Beobachtung feinster Gemütszustände) und wurde dann am Ende davon überrascht. Mit einem Lächeln las ich das Motto nochmal, ja, so könnte es gewesen sein. Amüsiert lese ich gerne auch Anis „Überlegungen“ zum Alkohol („Er hatte einen leichten Biergang“, in anderen Romanen ist mancher„bebiert“), die mich an Stephen King und seine lebenslange Auseinandersetzung mit dem Suff oder der Kontrolle erinnern.
Und dann freute ich mich an den unvergesslichen Sätzen, die wie schon der Titel eigene kleine Geschichten erzählen. Sätze wie: Für Cornelius Hallig schien das Wetter nicht zuständig. Oder: Obwohl er unzählige Arten des Schweigens beherrschte und einige davon vermutlich erfunden hatte, wäre der ehemalige Kommissar nie auf die Idee gekommen, sich auf diese Weise trotzig zu stellen. Oder: Dieser Ort bewohnte der Schatten eines Unsichtbaren.
Und von was handelt das Buch eigentlich? Ich sage nur: SelbstLESEN!



Weitere Infos zum Buch und dem Autor, samt Leseprobe, hier auf der Verlagsseite. Suhrkamp Verlag, 143 S., Hardcover.





Christoph Niemann
Wörter

Ein Wörterbuch der besonderen Art.
Der international bekannte deutsche Künstler Christoph Niemann, der offenbar nur noch englisch spricht, jedenfalls werden all seine Bücher übersetzt, hat ein neues Buch veröffentlicht. Zwei Wörter pro Doppelseite erzählen manchmal eine gemeinsame Geschichte, manchmal auch getrennte Geschichten, die es erst zu ergründen gilt.  Unter einem Seil, das fast reißt, steht zum Beispiel „bis“. Daneben starrt ein Junge von einem Sprungbrett auf die Wasseroberfläche, darunter steht „wagen.“ Oder eine „Straße“ führt über beide Seiten, rechts zweigt sie aber zu einem „Haus“ ab. Oder links sieht man eine schwarze, stilisierte Katze, rechts viele verschiedenartige Katzenköpfe die das Wort „Katze“ buchstabieren. Christoph Niemann erfasst mit seiner genialen Zeichen- und Wortkunst das Wesentliche der Wörter und zeigt damit das schöpferisch, spielerische der Sprache auf. Jede Seite ist ein Hochgenuss, hier gibt es keinen falsch gesetzten Pinselstrich. Die Bilder wirken auf den ersten Blick wie Piktogramme, sie erfassen aber durch diese Reduzierung auf kunstvolle Weise auch Gefühle. Wie stellt man Angst dar oder die Doppelsinnigkeit des Wortes Strauß? Das müssen Sie sich selbst anschauen oder besser eintauchen und genießen. Das Buch ist dazu noch eine gelungene Gesamtkomposition, manche Wörter sind farbig, auch einige Seiten, auch der Vorsatz mit den Sprechblasen und der buddelnde Hund, der sich unter dem Schutzumschlag befindet. Das alles hebt den Spielcharakter hervor und zeichnet dieses Prachtstück zu meinem Leselieben-Liebling aus.
Wie schön ist es, einem Kind, einem Freund oder sich selbst Wörter mit diesem wunderbaren Buch zu schenken!

Weitere Infos zum Buch und dem Autor und Illustrator, hier auf der Verlagsseite.
Diogenes Verlag, 352 S., Hardcover mit vielen Abbildungen.





Moira Weigel
Dating
Eine Kulturgeschichte

Auch wenn sich dieses spannende Sachbuch über das „Werben um die Liebe“ hauptsächlich auf die Flirtgepflogenheiten in Amerika bezieht, ist es durchaus auf Europa zu münzen, denn viele der Einwanderer in die USA Anfang des 20. Jahrhunderts stammten aus Europa. So quetschten sich in die engen Stadtwohnungen, in den bereits Iren hausten, nach und nach zugereiste Italiener und Osteuropäer. Moira Weigel schreibt in lockerem Kolumnenstil, was sich gerade dadurch spannend liest und interessante Einblicke in ein, wie ich finde, schwer zu greifendes Thema gibt. Ausgehend von der Gegenwart, dass das Dating tot sei und „einem Durcheinander an Mutmaßungen und Überzeugungen“ in ihrem eigenen Bekanntenkreis, forscht Moira Weigel in der Vergangenheit. Alles fing mit dem „weiblichen Begehren“ an. Früher, auf dem Land, gab es kaum unbeobachtete Gelegenheiten, dass sich junge Paare trafen. Außerdem war fast jeder auf einem Dorf, mit dem man sich verabredete, jemand, den man sowieso schon kannte. In der Anonymität der Großstadt fing „frau“ an, über sich selbst zu bestimmen. Doch in die engen Räumlichkeiten, meist von mehreren Verwandten bewohnten Zimmer, jemanden mitzubringen, war fast unmöglich, also traf man sich in der Öffentlichkeit. Man hatte ein „Date“.

Moria Weigel erzählt nicht nur Anekdoten rund um das aufregende erste Treffen, sie bezieht auch Romane, Fernsehserien und Filme mit ein. Mit ihrer klugen Kulturgeschichte bringt sie Struktur in die Gefühle zwischen zwei Menschen und gibt uns Lesern Einblick in das komplizierte Verhalten, das wir nicht nur vom Hörensagen kennen. Dabei erfahren wir mehr über den Umgang mit Sexualität, Beziehungen und Wertvorstellungen unserer Vorfahren, die sich versteckt oder offensichtlich auch in der Gegenwart wiederfinden. Am Ende sind wir bei den Errungenschaften der Emanzipation oder bei der Liebe (wie das letzte Kapitel heißt), wobei es Feministinnen gibt, die behaupten, die Liebe sei schlecht für uns. Verlassen wir uns lieber auf das Mindesthaltbarkeitsdatum.

Weitere Infos zum Buch und der Autorin, hier auf der Verlagsseite.

btb Verlag, 352 S., Taschenbuch.








Sergio Ingravalle
50 Mindshots
Genial illustrierte Sinnbilder zum Nach- und Weiterdenken

Rot, schwarz und weiß sind diese Bilder in dem quadratischen Buch des Bielefelder Illustrators. Im kurzen Vorwort nennt er seine 50 Mindshots selbst minimalistische Illustrationen zu alltäglichen Themen und aktuellen Fragen. Entstanden während der Arbeit oder in der Freizeit. Ingravalles Eingebungen sind nicht nur originell, sondern auch kunstvoll umgesetzt. Mal sind es Wortbilder versinnbildlicht, mal Cartoons. Da winkt eine kleine Hand als I-Punkt auf dem Wort Hi. Oder die Happy Hour wird mit einer kleinen Uhr anstelle einer Obstscheibe auf dem Cocktailglas garniert. Eine riesige Hand zieht einen auf seinem Schreibtisch eingeschlafenen Mitarbeiter wieder auf. Ein Hochgenuss zum Staunen und als Inspiration. Man kann die rechte Bildseite vor dem Umblättern abdecken und selbst zuerst überlegen, wie man den folgenden Begriff umsetzen könnte. Z. B.: Mundpropaganda oder Worte die verletzen? Alles in allem großartige Kombinationen aus Ideen aufs Wesentliche reduziert. Spaß macht am Ende auch das Inhaltsverzeichnis, in dem alle Seiten noch einmal in Miniatur zu sehen sind und sich so, in der Übersicht, neue Zusammenhänge ergeben. Verblüffend, genial und wirklich zum Nach- und Weiterdenken.

Weitere Infos zum Buch und Künstler, hier auf der Knesebeck-Verlagsseite und auf www.maivisto.de.

128 S., Hardcover mit vielen Abbildungen.


Nora Krug
Heimat
Ein deutsches Familienalbum

Wie wunderbar, dass ein großer Publikumsverlag wie Penguin solch ein besonderes Projekt auch für uns deutsche LeserInnen realisiert hat. Diese Heimat, die Nora Krug in diesem Buch zeigt, ist Deutschland und deutsche Geschichte. Handgeschriebene Texte, alte Fotos, Zeichnungen, die Hommagen an bekannte Gemälde und Künstler sind. So erinnert das Titelbild an Caspar David Friedrich. Hier sieht eine Frau auf gestrichelte Dörfer und ein brennendes Flugzeug anstatt aufs Meer. Andere Zeichnungen ähneln dem Zeichenstil von George Grosz. Nora Krug, 1977 geboren, wuchs in Deutschland auf, lebt und arbeitet heute in Amerika. Sie unterrichtet Illustration in New York. Akribisch forschte sie in ihrer eigenen Familiengeschichte. Mit den Ergebnissen und ihren Erkenntnissen ihrer Recherche setzt sie sich in diesem Buch bildnerisch auseinander und fand damit ein großartiges Format, ihre Eindrücke dem Leser zu vermitteln. Denn das Zusammenspiel der verschiedenen Techniken berührt. So schildert sie gleich zu Anfang die sprachlos machende Begegnung mit einer KZ-Überlebenden. Die Frau erkennt sie sofort als Deutsche. Als Nora Krug erfährt, welche Grausamkeiten die Frau in Deutschland erlitten hat, zeigt sie als nächstes eine Seite mit KZ-Wärterinnen. Schwarzweiß Porträtfotos, 1945 aufgenommen. Man könnte die ernstblickenden Frauen mit ihren kuriosen Frisuren auch für Gefängnisinsassinnen halten, gebe es keinen Text dazu. Krug beschäftigt sich mit dem Mitläufertum in der NS-Zeit, aber auch mit der Trauer, die ihre Familie durch den Verlust, den ihre Verwandten, einem verschollenen Soldaten, erlitten haben. Dokumente stehen neben Bildergeschichten. Sie zeigt einen „Katalog der deutschen Dinge“, also Gegenstände, die als typisch deutsch galten. Doch das Buch ist mehr als eine Auseinandersetzung, es ist eine persönliche Reise. In einem klug gesetzten Spannungsbogen findet die Autorin am Ende zu sich selbst und ihrer eigenen Geschichte.

Weitere Infos zum Buch und der Autorin, hier auf der Verlagsseite.
Penguin Verlag, 288 S., Hardcover, vollfarbig illustriert.



Jo Nesbø
Macbeth
Hörbuch
gelesen von Wolfram Koch

Die Harry-Hole-Reihe des norwegischen Vielschreibers Jo Nesboe gefiel mir sehr, sodass ich auf „Macbeth“ neugierig war. Leider enttäuscht das Werk schon gleich zu Anfang. Viel zu viel Personal wuselt bei einer Überwachung umeinander. Es erinnert an die Fronten eines Westerns, ein Haufen Cowboys und steht einem anderen Haufen Cowboys gegenüber. Der Erzählton ist flapsig. Worum geht es überhaupt? Macbeth, so heißt der Ermittler, „der toughste Cop“ in einer norwegischen (?) Industriestadt und ja, das ganze läuft auf Shakespeare hinaus. Irgendwie. Doch nach einigen Minuten ertappt man sich, dass man gar nicht mehr zuhört.

Weitere Infos, hier auf der Seite des Hörverlags.





Erin Benzakein/Julie Chai
Mein wunderbarer Blumengarten
Floret Flower Farm
Mit Fotos von Michèle M. Waite

Erin Benzakein, Gründerin der Floret Farm in Washington, USA, erzählt von ihrer Liebe zu Blumen und wie ihre Leidenschaft zum Beruf wurde. Vielfach für Ihre besonderen Sträuße ausgezeichnet, zeigt sie in diesem wunderschönen Bildband ihre Kunst, illustriert von außergewöhnlichen Fotos von Michèle M. Waite. Benzakeins Großmutter lehrte ihr diese Blumenliebe, bzw. den Blick dafür. Nun gibt sie diese Grundlagen weiter. Von der Planung und den ersten Schritten, übers biologische Gärtnern, die Basistechniken und das Handwerkszeug, das es dafür braucht. Wir Leser und Betrachter folgen den Autorinnen durchs Jahr, lernen die saisonalen Blumen kennen und sehen, wie man sie in Projekte einbinden kann. Wunderschöne Gestecke, Kränze oder auch Van Goghs Sonnenblumenstrauß für zuhause. Auch im Winter kann es im Haus blühen, wenn man Benzakeins Tipps beherzigt. Sie verrät wertvolle Tricks, oft in Schritt für Schritt-Anleitungen, z. B., wann man Pfingstrosen am besten erntet, damit sie am längsten in der Vase halten.  
Ein Buch zum Schwelgen! Nicht nur für Gärtner, sondern für alle, die schöne Bücher lieben.

Weitere Infos zum Buch und der Autorin, hier auf der Verlagsseite.
DVA Verlag, 308 S., Hardcover mit vielen Abbildungen.






Stephen King

Der Outsider

Roman

Das geheimnisvolle Titelbild und auch der Klappentext verraten nicht sofort, ob Stephen King in Fantasy oder Horror abdriftet, oder ob es bei einem realistischen Plot bleibt. So war ich sehr neugierig auf diesen neuen Wälzer von ihm. Der Anfang ist grausam, ein Kind wird ermordet, sogar regelrecht geschlachtet. Wieder einmal fragte ich mich als Leserin, muss das sein? Braucht es das für den Plot? Die Spannung zieht sich aus dem Alibi des Hauptverdächtigen. Ein Baseballcoach, der von allen geliebt wird und für sein besonderes Engagement in der Jugendmannschaft sogar ausgezeichnet wurde. Nach dem Verbrechen gibt es auf einmal jede Menge Zeugen, die den Coach mit dem Kind gesehen haben wollen. Hier verwendet Stephen King eine originelle Erzählmethode. Zwischen die erzählten Kapitel stellt er die Zeugenaussagen wie Protokolle im Interviewstil. Jeder Zeuge schweift erst einmal zu seinen eigentlichen Befindlichkeiten ab und der Ermittler, der sich nach und nach zur Hauptfigur mausert, hat die Geduld (oder Menschenkenntnis), das auszusitzen.
Und hier zeigt sich die Meisterschaft von Stephen King. Seine Beobachtungsgabe, die Schilderung der zwischenmenschlichen Beziehungen. Das ist amüsant, verblüffend und zum Hineinversinken. Leider enttäuscht die Auflösung der Geschichte nach über 700 Seiten. Nicht weil es nicht konsequent so geplant war, sondern weil das „Monster“ am Ende relativ brav ist. Es leistet kaum Widerstand. Das ist mir schon in „Dr. Sleep“ aufgefallen, der ähnlich großartig in der Figurenzeichnung ausgearbeitet ist.
Völlig überflüssig sind dagegen die letzten zwanzig Seiten. Sie lesen sich ein bisschen wie familiäres Kaffeetrinken nach einem Tsunami. Wichtig für die Betroffenen, aber nicht für die Leser.
Trotz allem, wer so viele außergewöhnliche Romane erschaffen hat, wie Stephen King es bisher tat, trifft vielleicht nicht jedes Mal meinen Geschmack, aber ihm gehört immer wieder meine volle Aufmerksamkeit. 




Roberta Bergmann
Kopf frei für den kreativen Flow
Übungen, Impulse und Rezepte

In handlichen A5-Format ist dieses wunderschön gestaltete neue Kreativbuch von Roberta Bergmann. Zuerst erklärt die Autorin und Illustratorin was Kreativität eigentlich ist. Für alle, die sich für wenig begabt halten oder sich in ihrer Kunst festgefahren haben. Das Kapitel endet mit einem Psycho-Test, um herauszufinden, welcher Kreativ- und Arbeitstyp man ist (ich liebe Psychotests!). Nach einer Starthilfe, um den Ort, die Zeit festzulegen und alles um sich herum auszublenden, liefert Roberta Bergmann in 40 Rezepten, wie man die eigene Kreativität auflockert. Bin ich der Denker oder der, der Ideen aus dem Bauch heraus angeht. Planen oder einfach loslegen? Wie finde ich das richtige Thema? Wie bereite ich ein neues Projekt mit gezielten W-Fragen vor? Wie variiere ich alte Themen, lasse mich von bekannten Künstlern zu eigenen Umsetzungen anregen? Gibt es Zufälle? Wie kombiniere ich mehrere Einfälle zu etwas Neuem? Dazwischen gibt es auch eine Pause (Rezept Nr. 20), um den künstlerischen Akku wieder aufzuladen. Mit vielen Bildbeispielen von anderen Künstlern und zahlreichen Hashtags, um weiterzugooglen. In diesem Buch findet jeder neue Impulse für die Arbeit und in seinen Flow. Sollte es doch einmal irgendwo haken, gibt es zuletzt, wie es sich für einen „medizinischen“ Ratgeber gehört, Erste Hilfe bei Blockaden. Auch hier kommen andere Künstler mit ihren Strategien zu Wort. Wie geht man mit Kritik um, wann ist es Zeit die Notbremse zu ziehen?
Ein inspirierendes Achtsamkeitsbuch für alle Künstler.




Whitney Sherman

Zeichnen und Skizzieren

50 x spielerische Fingergymnastik

Auch wenn man beruflich zeichnet wie ich, braucht man ab und zu, oder gerade dann, Auflockerungen, um nicht immer im selben Strich zu kritzeln. Darum liebe ich Zeichenbücher mit Anregungen. Dieses Buch von Whitney Sherman gefällt mir besonders gut, da es sich an Anfänger und Fortgeschrittene wendet. Beim ersten Durchblättern ist es schon eine Augenweide. Wortwörtlich, man möchte den künstlerischen Blick darin grasen lassen und am liebsten alles ausprobieren. Die Grundlagen des Zeichnens, mit denen das Buch beginnt, bringen jeden Profi zurück zu den Wurzeln, sind aber gerade dadurch anregend, da auch die vielen Bildbeispiele von anderen Künstlern inspirieren. Weiter geht es mit Anwendungen der Grundlagen. Hier regt die Autorin z. B. an, auf dem Heimweg zu zeichnen. Oft steckt man ja noch mitten in seinem Projekt und es fällt schwer abzuschalten und zu entspannen. So kann der Übergang gelingen und trotzdem fruchtbar sein. Danach folgen konzeptionelle Grundlagen, Wörter und Buchstaben, surreal und fantastisch umgesetzt. Als Beispiel: Ein Traum-Lebenslauf. Was wäre wenn wir all unsere Fantasien in einem „echten“ Lebenslauf gestalten? Der letzte Teil widmet sich ausführlich dem Skizzenbuch und seinen Anwendungsmöglichkeiten. Alphabete entwerfen, Filme zeichnen oder Skizzenbücher im Team tauschen. Außerdem begleitet das wunderschöne Werk eine Fülle an Hintergrundwissen, das zum Weiterarbeiten anregt.    







Julia Seidl (Text), Stefan Rosenboom (Fotografie)
Anni und Alois
Arm sind wir nicht
Ein Bauernleben

Julia Seidl hat bereits mehrere Filme über das niederbayerische Ehepaar Anni und Alois gemacht, jetzt gibt es dazu ein Buch.
Anni und Alois leben auf einem Einödhof und müssen im hohen Alter mit sehr wenig Rente auskommen, aber sie wissen sich zu helfen, schließlich war das Geld ein Leben lang knapp und Selbstversorgung ist für sie selbstverständlich. So trennt Anni geschenkt bekommene Kittel auf und schneidert sie sich um oder sie nimmt sich die komplizierte Handarbeit wieder einmal vor, an der sie schon Jahrzehnte dahinknüpft. Zugleich erzählt Julia Seidl das Leben der beiden, als Rahmen dient ein Bauernjahr vom Winter bis Weihnachten, im Einklang mit der Natur. Annis Wetterbeobachtungen, das Aufziehen und Schlachten von Federvieh und warum nur das eigene in der Bratröhre landet, das Verdingen in der Jugend, Krankheiten, Schmerzen und die ganze seelische Not. Eine berührende Reportage, die nachdenklich stimmt und manchmal, dank der Eigenheiten des eigenbrötlerischen Ehepaars, zum Schmunzeln einlädt. Doch niemals stellt die Autorin die beiden bloß. Illustriert ist das Buch mit wunderschönen Fotografien von Stefan Rosenboom.
Ein Buch für Globetrotter und Daheimgebliebene, für Selbstversorger und die es werden wollen.




 

David Lynch und Kristine McKenna
Traumwelten

Die Lebenserinnerung des berühmten amerikanischen Regisseurs David Lynch, der in Deutschland hauptsächlich durch die Serie „Twin Peaks“ bekannt ist, haben mich allein schon durch die besondere Erzählweise neugierig gemacht. Die Journalistin Kristine McKenna hat sein Umfeld, Verwandte und Freunde, interviewt und David Lynch reagiert auf diese Eindrücke zu seiner Person im folgenden Kapitel. Also Aktion und Reaktion, das macht den Reiz beim Lesen aus und hebt diese Biografie von anderen prominenter Persönlichkeiten ab. Jeder erinnert sich anders, außerdem weiß man, dank moderner Hirnforschung, dass das Gehirn die eigenen Erinnerungen überschreibt. So ist Lynch z. B. erstaunt, dass sein Bruder in ihm als Kind einen Anführer sah. Andere Episoden lösen bei ihm tiefergehendes Nachdenken aus. Man erfährt von kindlichen Streichen wie Schneebälle in Schubladen legen, aber auch Ängsten, wie vorm U-Bahn fahren, was sich später in seinen düsteren Filmen wiederspiegelt.
Es beginnt im Amerika der Fünfziger Jahre, jeder rauchte und die Kellnerinnen im Diner trugen noch Häubchen auf dem Kopf wie Krankenschwestern. David Lynch verwendet nicht nur viel selbst Erlebtes, auch Vorbilder und sogar eine Hommage an sein Lieblingskinderbuch fließen in seine Filme mit ein.
Auch optisch ist das Buch ein Hingucker, reich bebildert, mit biografischen Fotos, aber auch mit vielen Filmszenen oder Eindrücken vom Set, ist das Buch nicht nur eine Bereicherung für David-Lynch-Fans, sondern gibt einen vielfältigen Einblick in das Erschaffen von „Traumwelten“. Woher kommt die Kreativität, wie entsteht ein Film, wie Wirken die Darsteller in den Szenen zusammen? Wie sieht die Arbeit eines Regisseurs aus? Das Auf und Nieder, das Verwerfen und Schöpfen, jede Menge Insiderwissen hinter die Kulissen von „Blue Velvet“, „Twin Peaks“ und all den anderen preisgekrönten Filmen und Serien.
Ein großartiges, liebevoll gestaltetes Buch, nicht nur für Cineasten und Serienjunkies. 

Buchinfos: Heyne Encore Verlag, Hardcover, 768 S., mit vielen s/w Abbildungen.




Irvin D. Yalom
Wie man wird, was man ist
Memoiren eines Psychotherapeuten

Der Geschichtenerzähler und Bestsellerautor gibt mit über achtzig Jahren Einblick in seine Lebensgeschichte und seine Arbeit als Psychotherapeut. Aufgewachsen als Sohn jüdischer Einwanderer nach Amerika vor dem ersten Weltkrieg, musste er sich alles hart erkämpfen, so seine Erinnerung. Und doch, so stellt er es selbst im Text fest, trügt seine Erinnerung manchmal. So glaubte er z. B. keine Mentorin gehabt zu haben, da er seine Eltern, die einen Lebensmittelladen betrieben, bald an Bildung übertraf. Doch seine Freunde erzählen einiges anders und da ist ja auch noch seine Ehefrau, seine erste große Liebe, mit der er bis heute verheiratet ist. Zum Glück sind die Memoiren nicht durchwegs chronologisch erzählt, sondern sie springen von seiner interessanten Arbeit als Therapeut, aber auch als Schriftsteller zu seinem Werdegang. Das liest sich leicht, spannend, sehr unterhaltsam, regt aber auch zum Nachdenken an.
Ein Buch, das Freude macht, das entspannt und verblüfft.



Berg, Wittgenstein, Zuckerkandl
Zentralfiguren der Wiener Moderne
Herausgegeben von Bernhard Fetz

Die im Untertitel genannten „Figuren“ sind Persönlichkeiten, die bis heute faszinieren. Der Komponist Alban Berg, der mit seinen Opern „Woyzeck“ und „Lulu“ die Moderne prägte. Der Philosoph Ludwig Wittgenstein, der seinem Verleger vorschlug, als der bemängelte, dass sein „Tractatus“ nicht nur schwer verständlich, sondern auch zu kurz geraten sei, einfach noch leere Seiten im Buch einzufügen, damit der Leser sich mit seinem Text auseinandersetzen könnte. Und die Schriftstellerin und Salonière Berta Zuckerkandl, die allein ein ganzes Buch mit ihrem Leben füllen könnte.
Zur aktuellen Ausstellung in der Österreichischen Nationalbibliothek, die noch bis 17. Februar 2019 dauert, erscheint dieser aufwendig gestaltete und trotzdem handliche Katalog in Form eines Paperbacks. Viele Dokumente werden hier erstmalig gezeigt. Darunter Briefe, Wohnungsansichten, private Fotos, rund um diese illustren Persönlichkeiten.
Die Beiträge erhellen das Leben der Wiener Moderne, zeigen die familiären, künstlerischen und gesellschaftlichen Netzwerke auf. Das ergibt ein interessantes Zusammenspiel zwischen Kunst, Literatur, Musik, Architektur und Philosophie. Wittgenstein war nicht nur Volksschullehrer, sondern auch Architekt und Zuckerkandl eine sehr engagierte Schriftstellerin, bevor sie andere Künstler und Literaten in ihren legendären Wiener Salon einlud. Die Entstehung Alban Bergs Werke zeigen Faksimile seiner Handschriften und Notenblätter.
Ein wunderschönes Buch zum Schmökern, Entdecken und Festlesen. Die zahlreichen Querverweise laden zu weiteren Entdeckungen dieser spannenden Epoche ein.




Ferdinand von Schirach
Strafe
Stories

Katharina aus dem Hochschwarzwald. Oder Schlesinger, der früher ein guter Anwalt gewesen ist. Oder Brinkmann, dessen Frau an Krebs stirbt. Schicksale, in schlichten, fast emotionslosen Sätzen erzählt. Wir Leser wissen nicht, ob die Hauptfiguren Opfer oder Täter sind. Wie bei allen Schirach-Büchern läuft es am Ende der Kurzgeschichte auf eine Verurteilung hinaus, schließlich ist der Autor Strafverteidiger oder war es, bis er als Schriftsteller ein Millionenpublikum begeisterte und vermutlich keine Zeit mehr hat, wahre Fälle zu übernehmen.
Das allein ist der Grund, dass wir süchtig nach seinen Texten bleiben, der Einblick in wahre Verbrechen, die literarisch verkürzt und verdichtet wurden. Auch wenn es wie das gleiche Strickmuster, von Buch zu Buch, wirkt, variiert Schirach in den Motiven, sodass es nie langweilig wird. Und gerade die scheinbare Schlichtheit der Erzählweise ist große Kunst. Sie ermöglicht es uns Lesern, sich selbst in den Geschichten zu finden, sich zu fragen, wie man selbst entschieden hätte, sei es auf Opfer- Täter- oder Richterseite.

Buchinfos: 192 S.,Hardcover, Luchterhand Verlag mit Link zur Leseprobe des Verlags. 







Wolfram Eilenberger
Zeit der Zauberer
Das große Jahrzehnt der Philosophie
1919 – 1929
Sachbuch

Ein besonderes Jahrzehnt der Denker, der großen Aufbrüche soll es gewesen sein, das Jahrzehnt vor genau hundert Jahren. Der Autor Wolfram Eilenberger vergleicht die Lebensgeschichten und Erkenntnisse von vier Philosophen miteinander. Ludwig Wittgenstein, Martin Heidegger, Walter Benjamin und Ernst Cassirer. Auch wenn sich diese Herren nur am Rande wirklich zu Lebzeiten begegneten, so teilen sie doch die Denkweise. Heidegger und Wittgenstein zogen sich in einsamen Hütten von der Welt zurück, Benjamin suchte dagegen wie Cassirer die pulsierende Großstadt, um Klarheit zu fassen. In kurzen Kapiteln skizziert Eilenberger vier Lebensentwürfe, die voller Inspiration und Motivation stecken.
Es gibt keinen Zweifel, schrieb Wittgenstein in seinem „Tractatus“: „Denn Zweifel kann nur bestehen, wo eine Frage besteht; eine Frage nur, wo eine Antwort besteht, und diese nur, wo etwas gesagt werden kann.“
Oder: „Alles, was dem Leben und der Welt, in der wir leben, im eigentlichen Sinne Sinn verleiht, befindet sich jenseits der Grenzen des direkt Sagbaren.“ Das ermöglicht Kunst und Philosophie, die das umkreisen, das nährt die Kraft der Fantasie.
Wir erfahren aber auch viel Menschliches, Schrullen und Eigenheiten. Sympathisch, dass Walter Benjamin, ein Vermögen für seine Sammlung alter Kinderbücher ausgab. Oder Ernst Cassirer sind von den anderen Denkern unterschied, indem er als einziger, im Vergleich mit den anderen drei, keine große Sache aus seiner Schöpferkraft machte, er tat es einfach.
Zeit der Sinnsucher, Zeit der Zauberer. Auch wenn Eilenberger weder zeigefingerhaft in die Gegenwart verweist noch ausdrücklich Bezug nimmt, so liegt es nahe, die Welt von damals mit heute zu vergleichen. Die Suche nach Glück, Sinnerfüllung, der Rückzug in die Askese, Minimalismus, der aufkeimende Antisemitismus.
Der Autor schafft es, schwierige philosophische Ansätze leicht verständlich und anregend aufzubrechen, ohne die gehaltvollen Aussagen der Philosophen zu verwässern. Das ist ein großes Lesevergnügen, kurzweilig und spannend.

Weitere Infos zum Buch und der Autor, hier auf der Verlagsseite.

Klett Cotta Verlag, 431 S., Hardcover.




Jessica Braun

Träum schön - Reisetagebuch für die Nacht

illustriert von Rinah Lang

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Tausend Gründe ein Traumtagebuch zu führen. Alle, die schwer in den Schlaf finden, alle, die Schlafen für das nächste große Abenteuer halten, alle, die wissen wollen, was hinter den Merkwürdigkeiten steckt, die sich uns hinter verschlossenen Lidern offenbaren.
Mindestens ein Grund ist jetzt dieses schöne Buch. Es besteht zu einer Hälfte aus einem tippgebenden Traumreisebuch und zur anderen aus einem Notizbuch, das insgesamt von wunderschönen Collagen der Berliner Illustratorin Rinah Lang begleitet wird.
Wie wir uns nach dem Aufwachen am besten an unsere Träume erinnern, warum wir fast ein Viertel unseres Lebens wegträumen, wie wir Albträume bändigen können und vieles mehr. Doch es gibt auch Platz für Experimente im Traumlabor. So finden wir eine Menge Inspiration also, um sich bald niederzulegen und wie nebenbei, ganz entspannt, in das eigene, sehr spannende Lebensbuch einzutauchen, das uns der Schlaf schenkt.

Weitere Infos zum Buch und der Autorin, auch mit weiteren Abbildungen, hier auf der Verlagsseite.

Lübbe Verlag, 240 S., Paperback.