Herzlich Willkommen auf meiner Website.Ich bin Stephanie Schuster und Schriftstellerin, Illustratorin, Buchbloggerin und Dozentin für "literarisches Figurenaufstellen".

Hier schreibe ich über 
Bücher anderer Autoren, die mich begeistern, erstaunen, beschäftigen, inspirieren. Neuerscheinungen, Klassiker aus meinem Bücherregal. Gelegentlich auch über Enttäuschungen, Bücher, die zuviel versprochen haben. Aber wie immer gilt, jedes Buch schlage ich mit Neugier auf, bereit, in die Geschichte oder die Bilder einzutauchen...



Es handelt sich um (unbezahlte) Werbung für Bücher, gelegentlich erhalte ich ein Rezensionsexemplar der Verlage. Ansonsten kaufe ich die Bücher in meinen Lieblingsbuchhandlungen. Die Verlinkungen zu den Infoseiten sind § 2 Nr. 5 TMG gekennzeichnet.



Volker Kutscher
Marlow
Der siebte Rath-Roman

Mit der ungewöhnlichen Du-Perspektive wird der siebte Roman der Reihe eröffnet. Der Erzähler spricht jemanden an und berichtet zugleich von diesem „Du“, als wüsste er dessen Schritte im Voraus. Ich mag so etwas sehr, der Autor wagt etwas, bricht mit dem Erzählschema. Das fordert den Leser, bereichert und macht neugierig auf die Fortsetzung. So stellt sich bei Volker Kutscher niemals Langeweile ein.
Das liegt natürlich auch an der Handlung. 1935, Oberkommissar Rath (endlich wurde er befördert) ist mit zwei Leichen in einer Kraftdroschke, wie das Taxi damals genannt wurde, konfrontiert. Seine Ehefrau Charly arbeitet inzwischen nicht mehr bei der Polizei, sondern als Privatdetektivin. Die Nazimethoden und auch das Hitler-Anhimmeln ihrer Kolleginnen verleideten ihr die Polizeiarbeit. Rath schlägt sich dagegen weiter durch, nuschelt den Hitlergruß und macht nur gelegentlich Männchen, wie er das Hab-Acht der Nazis nennt. Doch als er seinen Pflegesohn in Nürnberg beim Reichsparteitag besucht, erlebt er was Massenhysterie heißt. Es reißt es auch ihn mit, und er fängt an, alles zu hinterfragen. Fritz, den wir aus den Vorgängerbänden kennen und ins Herz geschlossen haben, ist bei der Hitlerjugend und marschiert von Berlin zu Fuß nach Nürnberg, um zusammen mit dem ganzen Jungvolk dem „Führer“ die Ehre zu erweisen. Rath wäre nicht Rath, wenn er nicht auch wegen seiner Ermittlungen nach Nürnberg reist. Samt Schwiegermutter, die ebenfalls Anhängerin des neuen Regimes ist und mitfährt. Und dann stellen die Raths plötzlich fest, dass der Fall mehr mit ihnen persönlich zu tun hat, als sie dachten. Und auf einmal ist nicht nur Charly in Lebensgefahr.
Detailgetreue Ermittlung innerhalb der komplizierten politischen Umstände und das Einfangen der besonderen Atmosphäre der dreißiger Jahre in der untergehenden Weimarer Republik zeichnet auch diesen Roman aus und macht ihn wieder zu einem großartigen Lesevergnügen. Marlow, der Doktor der Berliner Unterwelt, wird diesmal zur titelgebenden Figur und versucht die entscheidenden Fäden zu ziehen. Doch am Ende muss sich erst noch herausstellen, wer der eigentliche Marionettenspieler ist.

Weitere Infos:


Diana Hillebrand

Zuhause im Café

Mit Fotografien von Johannes Schimpfhauser

Eine koffeinhaltige Reise durch München

„Die Welt passt in ein Café“ schreibt die Münchner Autorin Diana Hillebrand einleitend. Man findet sie oft mit ihrem Notizbuch in einem der Cafés. Wer sich inspirieren lassen möchte, den Kopf frei kriegen, vor der zusammenbrechenden Decke zuhause flieht, sich mit einer Freundin treffen möchte oder einfach nur entspannt den herrlichen Duft von frischem Kaffee genießen will, wird mit diesem Buch bereichert und eingeladen auf Entdeckungsreise zu gehen. Jedes Café hat seine Besonderheit, sei es „Henry hat Hunger“, „Zimtzicke“ oder „White Rabbit’s Room“, die allein durch den Namen schon neugierig machen. Oder die Philosophie, die hinter der jeweiligen Cafégründung liegt. Eigene Röstungen, Buchladen mit Kaffee und Kuchen, ehrliches Essen, Glücksgefühle, was will man mehr? Auf diese Weise lebt die uralte Kaffeehauskultur wieder auf. Diana Hillebrand hat sich lange mit den Cafébetreibern unterhalten und erzählt die Geschichten, die zur Gründung des Cafés führten. Die vom „Café Schuntner“ am Sendlinger Tor, das 1947 von der damaligen amerikanischen Militärregierung genehmigt werden musste, um aufmachen zu können. Oder die des kleinsten Cafés namens „Henry hat Hunger“, das mit seinen blau-weißen Kacheln an einen Milchladen erinnert. Im „Café Bla“ werden die Zimtschnecken zum Schutz vor Trollen hinter Glas eingesperrt. Und im „Buchcafé Lentner“ kann man auf einem Omasofa Kaffee genießend in Büchern schmökern. So erfährt man schon vorab mehr über das jeweilige Café, als man als Gast vermutet und kann so mit ganz anderen Augen und Erwartungsfreude zum Kaffeetrinken und Kuchenessen gehen. Aber auch für die, die lieber zuhause bleiben, ist das Buch mit Rezepten, Handletteringüberschriften und den wunderschönen Fotografien von Johannes Schimpfhauser eine Augenweide. Beim Betrachten, Lesen und in der Handhalten fühlt man sich tatsächlich auch im eigenen Heim wie in einem Café. Aber natürlich ist man schnell verleitet, sich mit dem Buch als Reiseführer aufzumachen und diese fünfunddreißig Münchner Perlen zu entdecken. Was nicht zuletzt eine besondere Art ist, München, auch als Einheimischer neu kennenzulernen.

Ein Geschenk zum Zuhausefühlen und sich ins Café sehnen.


Weitere Infos:
Zum Buch und zur Autorin, hier auf der Verlagsseite
Zur Autorin und Schreibcoach-Dozentin Diana Hillebrand auf schreibundweise.
Volk Verlag, 352 S., Hardcover mit vielen Fotos.




Nathalie Boegel
Berlin Hauptstadt des Verbrechens
Die dunkle Seite der Goldenen Zwanziger

Bekannte und unbekannte Kriminalfälle aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen stellt die Autorin in diesem spannenden Buch vor. Ob die Attentate auf Politiker wie den Pazifisten Walter Rathenau oder die Wettbetrügereien des Max Klante, ein Porträt des legendären Mordinspektors Ernst Gennat oder eines von „Hitlers Scharfmacher“ Joseph Goebbels. Das Buch beginnt mit den Geburtswehen der Weimarer Republik und ihren kleinen und großen Kriminalgeschichten, leitet in das wilde Berlin der goldenen Zwanziger Jahre über und endet in der Dunkelheit des Dritten Reiches, in dem Terror gegen alles und jeden vorherrschte. Das liest sich gruselig-spannend mit Parallelen zur Gegenwart und ein Hoffen auf ein „Nie wieder“. Man erfährt etwas über die Anfänge der Kriminalistik und freiheitliche Ansätze in dieser kurzlebigen Demokratie der zwanziger und dreißiger Jahre. Ausgestattet mit vielen Fotos und einem Berliner Stadtplan im Vorsatz, in dem die Fälle eingezeichnet sind, kann das Buch auch als Reiseführer beim nächsten Berlinbesuch benutzt werden. Abgerundet mit einem Literaturverzeichnis, das zum Weiterlesen verführt und einem nützlichen Register ist das Buch ein besonderes Geschenk für alle Berlin- und Krimifans.

Weitere Infos:








Jeff Kinney
Gregs Tagebuch 13
Eiskalt erwischt!
Comic-Roman
Ab 10 Jahren

Aller guten Bücher sind dreizehn! Wie jedes Jahr um diese Zeit „gregt“ es wieder und erneut überrascht und erfreut Jeff Kinney mit seinen Einfällen. Greg wird einfach nie langweilig. Das liegt an Kenney's großer Zeichen- und Erzählkunst. Und an dieser Stelle auch ein Lob an den Übersetzer Dietmar Schmidt, der sich bestimmt oft genug etwas einfallen lassen muss, damit die Gags auch auf Deutsch zünden. 

Dieses Mal freuen sich alle am ungewöhnlich warmen Winter, nur Greg macht sich Gedanken wie das wird mit der Klimaerwärmung, was das für Folgen ganz konkret für ihn hat. Schuldig fühlt er sich nicht, denn schließlich ist er gerade erst auf diesem Planet ANGEKOMMEN. Und wenn die Zukunft darin besteht, dass die Menschen Roboter-Körperteile haben, wäre das für Greg sogar nützlich, denn mit Roboterbeinen könnte er auf dem Schulweg ein halbes Stündchen länger schlafen. Über die Kälte, den Winter und seine Auswirkungen nimmt der Autor und Illustrator Jeff Kinney viele Abzweigungen in die Gedankenwelt des ewig elfjährigen Gregs und findet aber auch immer wieder zurück zur Hauptgeschichte. Und gerade, weil diese Überlegungen so eigenwillig sind, haben sie Universalcharakter und jeder, ob Erwachsener oder Kind, findet sich darin wieder.
Das liegt nicht nur an Baby Gibson, einem 32jährigen Jungen, der nie ÄLTER wird, noch bei seiner Großmutter lebt, aber schon zwei EIGENE Kinder hat, sondern auch an all den anderen NICHT-Freunden von Greg, die in seiner Straße wohnen und die er beschreibt und beobachtet und dann trotzdem mit ihnen in gemeinsame Erlebnisse stolpert. Man erfährt auch, warum Mädchen (in Gregs Schulklasse) klüger sind und Jungs nichts dafürkönnen. Wie genau oder ungenau ein Ziegenmann aussieht, ob oben Ziege und unten Mensch oder umgekehrt. Gregs bester Freund Rupert meint, der Ziegenmann sei in der Mitte geteilt, was konkret gleich weniger furchteinflößend aussieht, eher bekloppt. Aber als die beiden dann allein durch den verschneiten Wald stapfen, gruseln sie sich doch. Kurz ein Abenteuer jagt das nächste und bis zu Band 14 kann man sich ja sein Greg-Regal vornehmen und nochmal beim ersten Buch anfangen. Alle Geschichten sind nach wie vor erfrischend unverbraucht.  

Fazit: Auch wenn Greg von sich selbst in Band 13 behauptet, dass er nicht der HELDENHAFTE Typ ist, DIE WELT BRAUCHT MENSCHEN WIE GREG!!!


Weitere Infos zum Buch und Autor/Illustrator: hier auf der Website zu Gregs Tagebuch, 224 S., Hardcover, mit vielen Illustrationen, Baumhaus Verlag





Volker Kutscher
Moabit
Illustrationen und Gesamtgestaltung Kat Menschik

Wie Lotte zu Charly wurde
Wir kennen Charlotte Ritter als zweite Hauptfigur in Volker Kutschers „Der nasse Fisch“ und allen Folgebänden seiner nun als „Babylon Berlin“ verfilmten großartigen Krimireihe, die im Berlin der Zwischenkriegszeit spielt. Dieses wunderschön gestaltete Buch ist ein Schwenk zu ihrer Geschichte, ihrer Herkunft und Charakterisierung. Wir Leser erfahren, warum Charlotte Ritter so wurde, wie sie ist. Auch wenn sie erst spät in der Geschichte auftritt, fiebern wir beim Lesen bis zu ihrem Auftritt hin, denn schließlich ist sie auf dem Titelbild porträtiert. Der Kriminalfall ist im Vergleich zur Gereon-Rath-Reihe schlicht gehalten, aber nicht weniger spannend. Aus drei Perspektiven lesen wir über einen merkwürdigen Todesfall in Moabit, der Berliner Justizvollzugsanstalt, die eine Reihe prominenter Insassen gefangen hielt. Volker Kutscher wählt für die erste Sicht die ungewöhnliche Du-Perspektive, die etwas gewöhnungsbedürftig ist, aber im Rückblick Sinn macht.

Die Illustratorin Kat Menschik greift Begriffe aus dem Text und erhellt sie mit ihrer herausragenden Kunst. Das Buch hat ein handliches Format in edel bedrucktem Leineneinband, einen farbigen Schnitt und farbigen Vorsatz in einem satten Orange wie die geprägte Titelschrift „Moabit“. Der Text ist zweispaltig wie in einer Zeitung gesetzt und wird von zeitgenössischen Anzeigen und Illustrationen in blau, braun, schwarz und wieder von diesem Orange begleitet. Das trägt zum Eintauchen in die Atmosphäre von 1927 bei. Konsequent von den Autoren- und Illustratorinnen-Porträt auf der ersten Seite bis zur Werbung für die weiteren Bücher, der von Kat Menschiks ausgewählten Lieblingsbüchern ganz hinten im Buch.  Allein die Gesamtgestaltung ist also ein Betrachtungs- und Entdeckungsvergnügen und damit ein Geschenk nicht nur für Fans von Volker Kutscher, sondern auch für Liebhaber des besonderen Buches.

Weitere Infos zum Buch und dem Autor, samt Leseprobe, hier auf der Verlagsseite. Galiani Verlag, 88 S., Hardcover.




Volker Weidermann
Träumer
Als die Dichter die Macht übernahmen




Bald hundert Jahre her, die wenigen Tage in denen in München eine Räterepublik aus Künstlern an der Macht war. Mit großem Staunen und sehr berührt habe ich "Träumer" gelesen und die toll gestalteten CDs dazu zu hören. Als die Dichter die Macht übernahmen.



Am Ende wurde dieser waghalsige Versuch, in Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit miteinander zu leben, blutig niedergeschlagen, als dürften Träume nicht die Welt regieren. Und auch wenn sich die Leichen in der Stadt stapelten und viele Zeitzeugen nur zufällig mit dem Leben davon kamen, so gab es sie wirklich, diese Utopie, wenn auch nur kurz. Wie schreibt Volker Weidermann am Schluss: "Diese Geschichte ist nur falsch ausgegangen. Sie ist aber noch längst nicht zu Ende." 





Sofia Lundberg
Das rote Adressbuch
Roman

Ein Adressbuch enthält noch mehr Geheimnisse als ein Tagebuch. Nach dem Tod des Besitzers bleiben die Namen Schlüssel zu Lebensgeschichten, die vielleicht nie erzählt werden. Die Schwedin Sofia Lundberg nutzt diese Form der Namensauflistung von Personen, um die Biografie ihrer Heldin auszubreiten. Doris, eine über neunzig Jahre alte Schwedin und gebrechlich, skypt mit ihrer einzigen verbliebenen Verwandten, ihrer Großnichte Jenny in New York. Gleichzeitig erinnert sich Doris an die Menschen in ihrem Adressbuch, denen sie in ihrem Leben und auf ihrer Reise um die halbe Welt begegnete. Wie sie vor dem zweiten Weltkrieg erst als Dienstmädchen gearbeitet hat und dann als Model entdeckt wurde, wie sie Freunde verlor und andere fand. Welche Entbehrungen und Schicksalsschläge sie hinnehmen musste. Immer voller Sehnsucht nach ihrer großen ersten Liebe.
Gerade durch diese Form, der Wechsel aus der Gegenwart, Doris im Alter, in der Sie-Perspektive, und dann die mit den Namen betitelten Kapitel, die manchmal durchgestrichenen und mit „Tot“ versehen sind, aus der Ich-Perspektive von Doris geschrieben, machen den Reiz dieses Romans aus. Die Geschichte trägt viele autobiografische Anknüpfungspunkte. Die Arbeit als Model kennt Lundberg aus eigener Erfahrung und es gab eine Tante, die wie die Hauptfigur Doris hieß. Das Adressbuch in ihrer Hinterlassenschaft inspirierte Lundberg zu dem Roman.
In schnörkelloser Sprache, schnell zu lesen, hält sich die Autorin nicht mit historisch genauen Details oder Metaphern auf, sie konzentriert sich auf ihre Hauptfigur und ihre spannende Geschichte, das ist ein sehr berührender Lesespaß!

Weitere Infos zum Buch und dem Autor, samt Leseprobe, hier auf der Verlagsseite. Suhrkamp Verlag, 143 S., Hardcover.


Friedrich Ani

Der Narr und seine Maschine

Ein Fall für Tabor Süden

 

Hurra, Süden ist weiter Finder von vermissten Leuten! Wie schreibt man über eine Figur, die mich schon ein Schreiblebenlang begleitet? Wie finde ich Worte für meine Ehrfurcht und den Respekt, den ich vor allen Süden und den Friedrich-Ani-Büchern habe? Romane zum Eintauchen, sich daran Freuen, zum Staunen und Nicken. Ja, das ist Literatur, das ist Schreibkunst, das ist der Grund, warum ich so gerne lese und froh bin, dass es zum Glück immer wieder solche Bücher gibt. Diese Geschichte wird auf und im Buch nicht mal mehr als Roman bezeichnet, sondern schlicht untertitelt: Ein Fall für Tabor Süden. A fool and his machine, das vorangestellte Motto von Cornell Woolrich hat Friedrich Ani wohl zu der Geschichte inspiriert. Ich stelle mir vor, dass er sich überlegt hat, was damit gemeint sein könnte und dann seine Version davon erzählt. Im Laufe des Lesens habe ich das Motto vergessen, auch wenn die Maschine vorzeitig auftaucht. Ich war zu sehr von dem Geschehen, das ja bei Süden oder Ani überhaupt relativ dezent ist (keine Krimiaction, sondern genaueste Beobachtung feinster Gemütszustände) und wurde dann am Ende davon überrascht. Mit einem Lächeln las ich das Motto nochmal, ja, so könnte es gewesen sein. Amüsiert lese ich gerne auch Anis „Überlegungen“ zum Alkohol („Er hatte einen leichten Biergang“, in anderen Romanen ist mancher„bebiert“), die mich an Stephen King und seine lebenslange Auseinandersetzung mit dem Suff oder der Kontrolle erinnern.
Und dann freute ich mich an den unvergesslichen Sätzen, die wie schon der Titel eigene kleine Geschichten erzählen. Sätze wie: Für Cornelius Hallig schien das Wetter nicht zuständig. Oder: Obwohl er unzählige Arten des Schweigens beherrschte und einige davon vermutlich erfunden hatte, wäre der ehemalige Kommissar nie auf die Idee gekommen, sich auf diese Weise trotzig zu stellen. Oder: Dieser Ort bewohnte der Schatten eines Unsichtbaren.
Und von was handelt das Buch eigentlich? Ich sage nur: SelbstLESEN!



Weitere Infos zum Buch und dem Autor, samt Leseprobe, hier auf der Verlagsseite. Suhrkamp Verlag, 143 S., Hardcover.





Christoph Niemann
Wörter

Ein Wörterbuch der besonderen Art.
Der international bekannte deutsche Künstler Christoph Niemann, der offenbar nur noch englisch spricht, jedenfalls werden all seine Bücher übersetzt, hat ein neues Buch veröffentlicht. Zwei Wörter pro Doppelseite erzählen manchmal eine gemeinsame Geschichte, manchmal auch getrennte Geschichten, die es erst zu ergründen gilt.  Unter einem Seil, das fast reißt, steht zum Beispiel „bis“. Daneben starrt ein Junge von einem Sprungbrett auf die Wasseroberfläche, darunter steht „wagen.“ Oder eine „Straße“ führt über beide Seiten, rechts zweigt sie aber zu einem „Haus“ ab. Oder links sieht man eine schwarze, stilisierte Katze, rechts viele verschiedenartige Katzenköpfe die das Wort „Katze“ buchstabieren. Christoph Niemann erfasst mit seiner genialen Zeichen- und Wortkunst das Wesentliche der Wörter und zeigt damit das schöpferisch, spielerische der Sprache auf. Jede Seite ist ein Hochgenuss, hier gibt es keinen falsch gesetzten Pinselstrich. Die Bilder wirken auf den ersten Blick wie Piktogramme, sie erfassen aber durch diese Reduzierung auf kunstvolle Weise auch Gefühle. Wie stellt man Angst dar oder die Doppelsinnigkeit des Wortes Strauß? Das müssen Sie sich selbst anschauen oder besser eintauchen und genießen. Das Buch ist dazu noch eine gelungene Gesamtkomposition, manche Wörter sind farbig, auch einige Seiten, auch der Vorsatz mit den Sprechblasen und der buddelnde Hund, der sich unter dem Schutzumschlag befindet. Das alles hebt den Spielcharakter hervor und zeichnet dieses Prachtstück zu meinem Leselieben-Liebling aus.
Wie schön ist es, einem Kind, einem Freund oder sich selbst Wörter mit diesem wunderbaren Buch zu schenken!

Weitere Infos zum Buch und dem Autor und Illustrator, hier auf der Verlagsseite.
Diogenes Verlag, 352 S., Hardcover mit vielen Abbildungen.





Moira Weigel
Dating
Eine Kulturgeschichte

Auch wenn sich dieses spannende Sachbuch über das „Werben um die Liebe“ hauptsächlich auf die Flirtgepflogenheiten in Amerika bezieht, ist es durchaus auf Europa zu münzen, denn viele der Einwanderer in die USA Anfang des 20. Jahrhunderts stammten aus Europa. So quetschten sich in die engen Stadtwohnungen, in den bereits Iren hausten, nach und nach zugereiste Italiener und Osteuropäer. Moira Weigel schreibt in lockerem Kolumnenstil, was sich gerade dadurch spannend liest und interessante Einblicke in ein, wie ich finde, schwer zu greifendes Thema gibt. Ausgehend von der Gegenwart, dass das Dating tot sei und „einem Durcheinander an Mutmaßungen und Überzeugungen“ in ihrem eigenen Bekanntenkreis, forscht Moira Weigel in der Vergangenheit. Alles fing mit dem „weiblichen Begehren“ an. Früher, auf dem Land, gab es kaum unbeobachtete Gelegenheiten, dass sich junge Paare trafen. Außerdem war fast jeder auf einem Dorf, mit dem man sich verabredete, jemand, den man sowieso schon kannte. In der Anonymität der Großstadt fing „frau“ an, über sich selbst zu bestimmen. Doch in die engen Räumlichkeiten, meist von mehreren Verwandten bewohnten Zimmer, jemanden mitzubringen, war fast unmöglich, also traf man sich in der Öffentlichkeit. Man hatte ein „Date“.

Moria Weigel erzählt nicht nur Anekdoten rund um das aufregende erste Treffen, sie bezieht auch Romane, Fernsehserien und Filme mit ein. Mit ihrer klugen Kulturgeschichte bringt sie Struktur in die Gefühle zwischen zwei Menschen und gibt uns Lesern Einblick in das komplizierte Verhalten, das wir nicht nur vom Hörensagen kennen. Dabei erfahren wir mehr über den Umgang mit Sexualität, Beziehungen und Wertvorstellungen unserer Vorfahren, die sich versteckt oder offensichtlich auch in der Gegenwart wiederfinden. Am Ende sind wir bei den Errungenschaften der Emanzipation oder bei der Liebe (wie das letzte Kapitel heißt), wobei es Feministinnen gibt, die behaupten, die Liebe sei schlecht für uns. Verlassen wir uns lieber auf das Mindesthaltbarkeitsdatum.

Weitere Infos zum Buch und der Autorin, hier auf der Verlagsseite.

btb Verlag, 352 S., Taschenbuch.













Chris Kraus
Das kalte Blut
Roman

In diesem Roman geht es um die radikale, systematische Vernichtung von Menschen während des zweiten Weltkriegs. Aus Sicht des Täters. Zwei Brüder werden als SS-Männer mit der „Säuberung“ im Osten und Westen des „Großdeutschen Reichs“ beauftragt. Beide lieben sie die Jüdin Ev, die traumatisiert aus Auschwitz zurückkehrt, wo sie zur Folterung von Häftlingen gezwungen wurde. Nach dem Krieg wechseln die Brüder Hub und Koja zu anderen Geheimdiensten, CIA und KGB, dienen als Doppelagenten mal hier mal da der „Sache“. Harte Kost, die anfangs in schönen Bildern und einem lockeren Erzählstil in das Buch zieht. 1974 beichtet der Ich-Erzähler Koja einem Hippie-Leidensgenossen in einem Krankenhaus seine Vergehen. Dabei schweift er immer wieder in melancholische Erinnerungen ab. Koja ist ein Künstler, hält alles mit Graphit auf Papier fest, lernt  Heinrich Himmler kennen und beeindruckt ihn. Sein Bruder Hub möchte den „Zartbesaiteten“ beschützen. Er sorgt dafür, dass Koja versetzt wird, sobald er zu Massenhinrichtungen abkommandiert werden soll, doch eines Tages kann Hub es nicht mehr verhindern. Und Koja ballert ein ganzes Magazin auf einen Säugling. 
Es gibt wunderschöne Metaphern in dem Buch, aber die will man als Leser mit zunehmender Enthüllung der Grausamkeiten nicht mehr genießen. Der Roman erinnert an die wahren Schicksale und pflanzt sie damit in die Gedächtnisse von uns Nachgeborenen ein oder besser, er ätzt sie ein. Der humorige Ton erinnert an Edgar Hilsenraths "Der Nazi und der Friseur", hat aber leider nicht dessen durchkomponierte Wucht. Er ist nur genauso schwer auszuhalten. Durch das ausführliche Nachwort erfährt der Leser die wahren Hintergründe und die schriftstellerischen Vorbilder des Autors. Chris Kraus ist Filmemacher, der u. a. den großartigen Film „Vier Minuten“ gemacht hat. Für „Das kalte Blut“ hat er penibel in seiner eigenen Familiengeschichte recherchiert. Trotz bester Absichten zerfällt der Roman für mich als Leserin aber eher in einen Bericht als in eine runde Gesamterzählung, wie es z. B. Günther Grass’ Die Blechtrommel für mich schaffte. Ein bedrückendes Buch, das durch die bildhaften Szenen womöglich als Film besser funktioniert.  


Buchinfos:
Diogenes Verlag, Hardcover und Ebook, 1200 Seiten


Konstantin Wecker
Das ganze schrecklich schöne Leben
Die Biographie

„Ich reit auf einem Wattebausch die Zeit entzwei.“
Dies ist keine Autobiografie des großartigen Musikers und Dichters, sondern in diesem Buch reflektiert auch sein Tourbegleiter Günter Bauch die gemeinsame Zeit. Ein Drittel der Kapitel stammt vom Herausgeber der bisherigen Wecker-Biografien Roland Rottenfußer. Und natürlich kommt auch Konstantin Wecker selbst kommt zu Wort. Anlässlich seines 70. Geburtstags erschienen, nehmen wir an bitteren und schönen, auf jeden Fall einmalige Erfahrungen teil. Wir begleiten die Entstehung seiner Werke, hören von der Inspiration und erfahren wie Klassiker wie „Wenn der Sommer nicht mehr weit ist“ oder „Genug ist nie genug“ entstanden. Sein Werdegang, seine Anfänge und ersten Auftritte werden geschildert, aber auch sein politisches Engagement. Wecker ist ein besessener, verbissener Künstler, der immer für seine Kunst und seine Anliegen eintritt. Eine Zeitlang zog er sich aus der Öffentlichkeit zurück, wandte sich der Innerlichkeit zu (wie es auf S. 145 heißt), dadurch entstanden Kindermusicals und z. B. die Musik zu Jutta Richters Geschichte „Das Kind auf den Bäumen.“ Gegenwärtig steht er wieder auf Seiten der Hilfsbedürftigen, aber nicht nur er, auch seine Frau und sein Sohn engagieren sich für Flüchtlinge.
Jeder der drei Autoren hat seinen eigenen Blickwinkel auf das Geschehen und so kann sich der Leser selbst ein Bild machen.
Wecker erzählt er von seinem liebevollen Elternhaus. Die Mutter war seine Förderin, stand zu ihm, als er wegen Drogenbesitz verurteilt werden sollte, setzte sich ganz nach vorne und fixierte den Richter während des Prozesses. Der Vater, selbst Musiker und Maler, nahm sein Talent mit ins Grab, förderte aber seinen Sohn von klein auf und wollte aus Konstantin einen Opernsänger machen. Ihm hat er auch ein sehr berührendes Lied gewidmet.
Das vielfältige Buch enthält viele seiner Gedichte und Liedtexte und ist damit ein wunderbares Geschenk für sich als Fan des Münchner Ausnahmekünstlers oder für andere zum Wiederentdecken und begleitendem Wiederhören.


Buchinfos:

Gütersloher Verlagshaus, Ebook und Hardcover, Knaus Verlag, 480 Seiten


Annette Mingels
Was alles war
Roman

Allein das Eingangszitat von Margaret Atwood gefällt mir: Wenn man sich mitten in einer Geschichte befindet, ist es keine Geschichte, sondern nur eine große Verwirrung...ein Durcheinander aus zerbrochenem Glas...Erst hinterher wird daraus eine Geschichte. Das ist für den Roman perfekt gewählt, wie ein Schild an der Eingangstür.  Die Struktur liefern die Kapitel, die sich in fünf Akte gliedern: „Anfangen, Lieben, Verlieren, Weitermachen und Finden“.

Ein Roman über Adoption und die verschiedenen modernen Formen des heutigen Familienlebens. Die Hauptfigur Susa wurde (wie die Autorin Annette Mingels) selbst adoptiert. Als Meeresbiologin betreibt Susa Wurmforschung, was wie eine Metapher für das Wühlen in der eigenen Familiengeschichte steht. Überhaupt die Metaphern in dem Roman gefallen mir, da ist die Icherzählerin mal sichtbar wie ein Fisch im Aquarium, als sie von einem Mann durch das Fenster beim Ausziehen beobachtet wird. Anfangs wird Susa noch nicht selber aktiv, sondern ihre Mutter meldet sich mit einem Brief und möchte sie treffen. Mit zehn erfuhr sie, dass ihre liebenden, fürsorglichen Eltern nicht ihre richtigen Eltern sind und als sie das nun ihrer eher verkorksten leiblichen Mutter erzählt, fühlt sie sich wie bei einer Prüfung. Ihre Kehle ist wie zugeschnürt. Was sie erfährt, lässt sie nicht los, sie forscht selbst nach ihren Brüdern und nach ihrem Vater, hat in ihrem bisherigen Leben zugleich aber auch Schicksalsschläge zu verdauen. Der Leser erlebt nicht nur ihre Familiensuche mit, sondern auch die der anderen Figuren. Jeder hat seine Geheimnisse und zusammen ergeben sie ein buntes Puzzle, der zu diesem besonderen Familienroman führt.


Buchinfos:
Ebook und Hardcover, Knaus Verlag, 288 Seiten





Monika Gause
Adobe Illustrator CC
Das umfassende Handbuch

Ob man sich als Einsteiger mit dem Adobe Illustrator Programm vertraut machen möchte oder seine Kenntnisse erweitern will. Mit seiner klaren Struktur und dem ausführliches Index bietet dieses dicke Buch Lösungsvorschläge für nahezu jedes Problem. Illustrator-Anfänger können sich Seite für Seite durcharbeiten, Workshops erleichtern das Lernen Schritt für Schritt. Schriftgestaltung oder freie Illustration, Produktwerbung oder Industriedesign sind nur wenige Beispiele. Dieses Buch ist ein unverzichtbares Nachschlagewerk, das nicht nur inhaltlich und optisch, sondern auch haptisch sehr gut gemacht ist. Eine Inspiration für alle Sinne! 

Checklisten für die wichtigsten Fragen und Problemfälle erleichtern das Suchen. Die Autorin Monika Gause ist selbst Kommunikationsdesignerin, Dozentin und Software-Trainerin und seit Jahren zuständig für die Handbücher zu diesem Programm. Sie legt hier eine fundierte Neuausgabe vor und beginnt mit der Arbeitsumgebung in Illustrator CC, erklärt dann die Grundlagen einer Vektorgrafik (im Unterschied zu Pixeln, wie sie in Photoshop erzeugt werden) und zeigt in den nachfolgenden Kapiteln die einzelnen Anwendungsmöglichkeiten, jeweils mit ausführlichem Bildmaterial.   

Wie alle Werke des Rheinwerk Design Verlags ist auch dieses Buch unbedingt zu empfehlen. Ein echtes Handwerksbuch für Gestalter, die mit dem Illustrator Programm arbeiten und tiefer in die Geheimnisse der Vektorsoftware einsteigen oder mit Kenntnissen aus Photoshop ihr Wissen mit diesem Programm erweitern wollen. 



Henry Marsh
Um Leben und Tod
Ein Hirnchirurg erzählt

Ärzte sind auch nur Menschen, ja, das erfahren wir hier. Das Zittern und Bangen, wenn es um das Leben eines Patienten geht, wenn es um Millimeter geht, die das Mikroinstrument in das Gehirn vordringt. Wenn Entscheidungen zu treffen sind und Wahrscheinlichkeiten des Überlebens ausgerechnet werden müssen. Wenn das Organ, das uns alles ermöglicht, eben nur ein Organ, schwammiges Gewebe ist. Der englische Neurochirurg erzählt Persönliches, gibt kritische Kommentare und schildert Schicksale seiner Patienten, das nicht selten vom Zufall abhängt. Immer respektvoll ehrlich lernen wir so unser verborgenes Inneres kennen und begreifen medizinische Zusammenhänge. Ein spannendes Buch, das das Wunder Denken, Leben und Träumen erfahrbar zu machen versucht. 

Buchinfos:
Penguin Verlag, Ebook und Taschenbuch, 368 Seiten

Aaron Blabey

Böse Jungs

Band 1 und 2



Ein Wolf, ein Hai, ein Piranha und eine Schlange versuchen sich von ihrem negativen Image zu befreien, immer und überall die Bösen zu sein. Stattdessen wollen sie sich der guten Sache zuwenden und zu Helden werden. Leicht beschlossen, schwer umzusetzen. Um es mit dem Stempel auf dem Cover des zweiten Bandes zu sagen: MISSION UNMÖGLICH. Aber Wolf gibt nicht auf und treibt seine Leidensgenossen an, deren polizeiliches Führungszeugnis wenig vertrauenserweckend ist. Naja, so richtig leiden tun sie eh nicht, sie sind eher auf Spaß aus und der Leser und Betrachter dieser großartigen Bücher ist mitten dabei. Das absurde Bösewichtteam in Anzügen à la James Bond sprüht vor Eigensinn und Einfällen. Am Ende ihrer ersten Heldenreise fühlen sie sich sogar richtig gut und sind voller Tatendrang. Im zweiten Band geht’s weiter mit einer absurden Rettungsaktion. Was, wenn die, die gerettet werden sollen, gar nicht gerettet werden wollen? Egal, am Gutsein müssen schon allen mitarbeiten. Schließlich hat jeder seine Stärken. Frei nach dem Motto des 7. Kapitels: Vertrau mir, ich bin eine Schlange.


Der Australier Aaron Blabey hat eine Comic-Roman-Reihe der besonderen Art erschaffen. Der Autor und Illustrator ist auch Schauspieler, der sein darstellerisches Handwerk auf das Medium Buch zu übertragen versteht. Sogar die Schriftarten arbeiten an der Dramatik der Geschichte und ergänzen die witzigen Zeichnungen. Ein besonderes Vergnügen für Groß und Klein und zu Recht für den deutschen Jugendliteraturpreis 2017 nominiert.

Buchinfos:
Hardcover, Baumhaus Verlag, je 140 Seiten, alle Seiten illustriert.




Zum 200. Todestag von Jane Austen

Holly Ivins
Jane Austen
Eine Entdeckungsreise durch ihre Welt


Dieses optisch sehr schön gemachte Buch ist wirklich auch inhaltlich eine
Entdeckung. Ob bereits bekennender Fan oder Neuling, Jane-Austens Leben, ihre Romane mit den Figuren und Schauplätzen werden auf liebevoll amüsante Weise genau beleuchtet. Wie wurde sie zur Schriftstellerin, wer war ihre Familie?
Oder was ist eigentlich ein Gentleman, und welcher ihrer Romanfiguren erfüllt diese perfekten Maßstäbe und ist trotzdem nicht der beliebteste von allen? Denn laut einer Umfrage würden sich die meisten Frauen für Mr Darcy (aus Stolz und Vorurteil) entscheiden, der durch dieses Raster fällt.
Darüber hinaus erfährt man noch viel zeitgeschichtlich Interessantes. Über die Klassengesellschaft des 18./19. Jahrhunderts in England, die Rolle der Frau und warum Austen wenig Politik in ihren Büchern verarbeitet hat. Wer die Verfilmungen ihrer Bücher schätzt, mag bestimmt auch die Kostüme. Hier wird die aufwendige Garderobe und der streng geregelte Tagesablauf einer jungen Dame, die wie Jane Austen selbst, der sog. „Genty-Schicht“ angehörte, erläutert. An vielen Stellen kommt sie selbst zu Wort. Oder es gibt Querverweise zu ihren Romanen, die neugierig aufs Lesen oder Wiederlesen machen. Holy Ivins hat ein wunderschönes Kompendium zum Verschenken oder sich Selbstschenken erschaffen.

Buchinfos:
Hardcover, DVA Verlag, 241 Seiten





Sven Gerhardt
Die Heuhaufen-Halunken
Illustriert von Vera Schmidt
Kinderbuch ab 8 Jahren



Sommerferien auf dem Land, besser gesagt im Dorf Dümpelwalde, der Name ist Programm. Kein Freibad weit und breit. Die einzige Attraktion ist der Hahn Pavarotti, der jeden im Dorf mit seinem Gekrähe früh morgens schon aus den Federn treibt. Das könnten öde Ferien werden, aber nicht für die Heuhaufen-Halunken, eine Bande Kinder, die krumme Dinger drehen wollen. Zusammen stellen sie einen Ferienrettungsplan auf. Sie versuchen den alten Volvo wieder zum Laufen zu bringen, der in der Scheune bisher als Bandenquartier gedient hat, um ein paar Tage zum nächsten Schwimmbad zu verreisen. Operation Badehose! Anführerin Meggy hat alles fest im Griff. Zumindest bis ein Stadtjunge dazukommt und Mitglied werden will. Aber Meggy weiß, dass man an den Augen eines Menschen erkennt, wer zum Halunken taugt. Nur so kann man sein Gegenüber einschätzen. Bald klärt sich, ob der piekfeine Berliner Junge Freund oder Feind ist. Dieser Kinderroman sprüht vor Witz und Spannung. Unterstrichen wird das Lesevergnügen von den herrlichen zweifarbigen Illustrationen von Vera Schmidt.
Besonders gefallen haben mir auch die „Bauernweisheiten“ als Kapiteltitel. Dies ist ein Start in eine vielversprechende Abenteuerreihe.


Buchinfos:

Hardcover mit vielen Illustrationen von Vera Schmidt, cbj Verlag, 160 Seiten



Sempé
Für Bücherfreunde
Cartoons

Alles dreht sich hier um das Entstehen von Büchern, die Gefühle der Autoren. In den feinen Zeichnungen, die immer liebevoll auf ihre Figuren blicken, gibt es viel zu entdecken. Sempé nimmt den Literaturbetrieb aufs Korn, wie es nur jemand versteht, der mitten drin steckt und es bestimmt im Laufe der Entstehung seiner vielen Bücher selbst erlebt hat. Die guten Ratschläge, die angehende Autoren zu hören kriegen. Wie entstehen Romane? Wie hält man Ideen fest? Wie vermittle ich einem Verleger, dass ausgerechnet mein Roman den schweren Vorhang der bisher düsteren Literatur erhellen wird? Wie kann ein Autor das Marketing selbst vorantreiben? Am besten mit einem Spruchband, das ein Flugzeug über einen vielbevölkerten Campingplatz zieht. Die herrlichen Zeichnungen brauchen oft keine Worte, manchmal auch längere Sprechblasen oder Begleittexte, die dem Bild eine völlig andere Bedeutung verleihen. Enthalten sind auch Geschichten über mehrere Seiten oder auch Sempés große Kunst mit wenigen Strichen eine Szene festzuhalten.  

Ein Geschenk für Literaten und alle, die an und in Büchern die Welt messen.

Buchinfos:
Hardcover, um farbige Cartoons erweiterte Neuausgabe, Diogenes Verlag, 112 Seiten





Val McDermid
Anatomie des Verbrechens

Alle Krimis der Autorin sind megaspannend. Kein Wunder Val McDermid recherchiert sehr genau und hat durch die Fülle ihrer Bücher und Themen im Laufe der Jahre viele Experten befragt. Hier gibt sie nicht nur Einblicke in ihre Recherchen, sie schildert auch wahre Verbrechen und wie sie aufgeklärt wurden. Das Fachbuch über Forensik zeigt wie die Ermittler im Laufe der Zeit mehr und mehr Details in die Analyse eines Verbrechens einbezogen, um Todeszeitpunkt, -ursache festzustellen oder überhaupt einen Täter aufzuspüren. Das Kapitel „Pathologie“ klärt leider auch nicht über den Übersetzungsfehler auf, der sich hartnäckig im Deutschen hält (besonders bei Fernsehkrimis). Pathologen sind in Deutschland Experten, die Gewebe untersuchen. Korrekt heißt es Rechtsmediziner (nur in Österreich Gerichtsmediziner), nur sie, helfen der Polizei bei der Aufklärung verdächtiger Todesfälle. Aber dieses Manko sei verziehen. Gestalterisch sehr gelungen, ist eine Fliege auf den Seiten abgedruckt, die man beim Durchblättern am liebsten wegwischen möchte. Nicht nur im Kapitel „forensische Insektenkunde“, in dem erläutert wird, auf welche Weise die winzigen Tiere sogar einen weltweit gesuchten Serienmörder überführen können. Ein Sachbuch für alle Krimifans und –autoren, zum Nachschlagen, aber auch zum gruseligen Drinschmökern.

Buchinfos:
Paperback mit vielen Abbildungen und einer (oder vielen Fliegen), Knaus Verlag, 380 Seiten
  




Henrik B. Nilsson
Das geheime Manuskript des Hermann Freytag

 
Als leidenschaftliche Leserin und Autorin lese ich natürlich auch sehr gerne Bücher, die sich um Bücher und ihre Entstehung drehen. Wenn möglich verschachtelt mit ungewöhnlichen Blickwinkeln. Dies bekam ich mit dem „geheimen Manuskript“. Henrik B. Nilsson ist ein schwedischer Autor, der in Deutschland aufgewachsen ist und hier über das Wien am Anfang des 20. Jahrhunderts schreibt.
Wien 1910, der Held, Hermann Freytag, genießt mit allen Sinnen seinen Ruhestand. Es beginnt mit einem kurzen Epilog, in dem es um einen bedeutungsschweren Brief an die vatikanische Bibliothek geht. Hier geht es also mehr als „nur“ um Literatur, die große Politik hält ihre Fahne hoch. Beim Mokka in einem Wiener Kaffeehaus ahnt Freytag noch nicht, dass sein neuer Auftrag, einen Autor beim Verfassen eines Manuskripts zu unterstützen, das gemütlich eingerichtete Pensionsleben ins Wanken bringen wird. „Wenn der Komet vorübergezogen wäre und die Kopfschmerzen sich gelegt hätten, würde alles weitergehen wie bisher“, heißt es im letzten Kapitel. Dazwischen liegen herrlich kunstvoll geschriebene über 500 Seiten für Bücherfans, die Spaß an Sprache und feiner Wortwahl haben.   

Buchinfos:

Taschenbuch, btb Verlag, 575 Seiten



Gabriel Rolón
Der Psychologe

Seit der genialen Fernsehserie „Fitz“, lese ich gerne Romane, die einen Psychologen zum Ermittler machen. Der Autor, ein Argentinier, nimmt sich Zeit für den Ausbau der Figuren und so ist sein Kriminalroman viel mehr als die Aufklärung eines Falls. Dadurch haben auch wir Leser die Möglichkeit differenzierter hinzusehen, mehr als wir es vielleicht bei einem Polizeikrimi täten. Wie es sich für einen überragenden Psychologen gehört, ist Pablo Rouviot ein genauer Beobachter. Auch wenn er eigentlich ein Mann der Sprache ist, so weiß er, dass oft mehr hinter schnell dahin gesagten Worten steckt. Durch Körpersprache und Signale seiner Patienten nimmt er versteckte Botschaften auf. So geht die Bitte einer jungen Frau, die um ihren Vater trauert, bald über ein gewöhnliches Gutachten in den Stunden seiner Praxis hinaus. Nach und nach wird er in verbrecherische Machenschaften gezogen. Der Autor weiß wovon er schreibt, Rolón ist selbst ein sehr bekannter Psychoanalytiker in seiner Heimat. Den Leser erwartet kein reißerischer Krimi, sondern ein subtiler Spannungsschmöker, der, wenn man sich darauf einlässt, bis zur letzten Seite fesselt und lange nachklingt. Mit der Frage, wie hätten wir entschieden, wenn... 

Buchinfos:

Taschenbuch, btb Verlag, 379 Seiten





Markus Wäger
Das ABC der Farbe

Vom reinen Weiß bis zur absoluten Dunkelheit. Um Schwarz zu sehen, stellt man sich am besten einen Tunnel oder eine Höhle vor, die schnurgerade in die Tiefe eines Berges führt. Absolutes Weiß zu erfassen, ist uns nicht möglich, weil wir ohne Verletzung der Augen nicht direkt in das reinste Weiß, das Licht der Sonne blicken können. Auf welche Weise nehmen wir überhaupt Farben wahr? Wir brauchen Licht, um Umrisse zu erkennen, uns in der Dunkelheit zu orientieren. Ohne Schatten würden wir eine Kugel nicht als Körper wahrnehmen, sondern als Scheibe. Vor Goethe und seinem faszinierendem, ästhetisch schönen Aquarellfarbkreis kam Newton, der mit Prismen experimentierte, aber auch eine Analogie der Farben zur Akustik zu sehen glaubte. In diesem Buch erfahren wir alles von den Farben und ihrer Wirkung und erhalten übersichtliche Tipps für die Anwendung in der Praxis. Ein Index hilft bei der schnellen Suche nach bestimmten Begriffen, wie Tonwertspreizung (was ist das überhaupt?), Sättigung und dem Unterschied zwischen Magenta, Purpur und Rosarot. Allein das Blättern in diesem Buch ist ein Sinnesgenuss. Leichtes, griffiges Papier, ein Lesebändchen und hervorragende Illustrationen. Knappe, fundierte Texte erläutern die Bildbeispiele. Es enthält Mischverhältnisse für bestimmte Farbtöne, Farbskalen und Vorstellungen der verschiedenen Anwenderprogramme. Auf Grund des handlichen und doch relativ großen Formats können wir uns vor der eigenen gestalterischen Arbeit inspirieren lassen, so in die Farbenwelt eintauchen und beim Lesen die schönen Fotos und Farbbeispiele auf uns wirken lassen. Ein Buch, das am besten den Schreibtisch nie verlässt. Damit ist Bildbearbeitung von jetzt an ein pures Vergnügen.


Buchinfos:

Hardcover, Rheinwerk Design Verlag, vollfarbig illustriert, 394 Seiten






Philipp Barth
Das Buch für Ideensucher
Denkanstöße, Inspirationen und Impulse für Kreative

Dieses Buch ist ein feiner Kompass, der durch das Chaos der kreativen Möglichkeiten führt, kein Einmalratgeber. Es liefert nicht nur Theorie, sondern gibt konkret und praktisch Tipps, die ganz auf den Alltag des Ideensuchers abgestimmt sind. Auf unterhaltsame Weise bietet Philipp Barth eine Fülle von Anregungen, verspricht ein Routine-Start-Programm, das nach einiger Übung abgerufen werden kann und lockert alles mit Beispielgeschichten von erfolgreichen Kreativen auf. Einblicke, in umgesetzte Ideen, die die Welt beherrschen, und dabei einst alles nur Keimlinge von Kreativen waren. Das macht Spaß und liest sich spannend. Anhand von Übungen, Techniken und Checklisten lässt sich das Erfahrene anwenden. Optisch anspruchsvoll gemacht, mit gelb markierten Sätzen, die Wesentliches herausheben, wirkt das Buch wie ein künstlerisches Notizbuch. Spätestens nach dieser Lektüre wird man vom Suchenden zum Ideenfinder, garantiert.

Buchinfos:
Hardcover, Rheinwerk Design Verlag, 285 Seiten


Tomi Ungerer
Warum bin ich nicht du?
Antworten auf philosophische Fragen von Kindern

Ein herrliches Buch, das keine Tabus kennt. Tod und Liebe, Gefühle wie Angst, Einsamkeit und Selbstsicherheit, Sachfragen, wer den Himmel gebaut hat oder ob Steine denken können kommen zur Sprache. Auf erstaunliche Fragen, erhält der Leser manchmal absurde, aber nie geschwätzige oder belehrende Antworten des Autors. Genau wie in seinen großartigen Kinderbüchern nimmt Ungerer die Kinder ernst, erinnert sich manchmal dabei an seine eigene Kindheit und erzählt. Man erfährt welche Kosenamen seine achtzigjährige Mutter ihm, der schon fünfzig war, gab. Gefragt hatte die neunjährige Rebecca, ob wir für unsere Eltern immer Kinder bleiben werden. Muss man groß sein, um erwachsen zu sein? Ungerer erzählt von einer Kleinwüchsigen, die sich auf ein Podest stellte und rief: Nur weil ich klein bin, seid ihr noch lange nicht groß! Oder der siebenjährige Alexandre will wissen, ob man aus Liebe sterben kann. Ungerer sagt darauf, dass wir nur die Macht haben, ein einziges Leben der Leere und dem Nichts zu entreißen, nämlich das eigene, für das man selbst verantwortlich ist. So lässt sich sogar der Tod besiegen.
Hinten im Buch gibt es ein Themenregister, das die herrlichen Fragen noch einmal auflistet. Ein großes Lesevergnügen, das mit Ungerers Illustrationen zusätzlich bereichert wird.

Buchinfos:
Hardcover, Diogenes Verlag, 192 Seiten