Hier schreibe ich über 
Bücher, anderer Autoren, die mich begeistern, erstaunen, beschäftigen, inspirieren. Neuerscheinungen, Klassiker aus meinem Bücherregal. Gelegentlich auch über Enttäuschungen, Bücher, die zuviel versprochen haben. Aber wie immer gilt, jedes Buch schlage ich mit Neugier auf, bereit, in die Geschichte oder die Bilder einzutauchen...



Wolfram Eilenberger
Zeit der Zauberer
Das große Jahrzehnt der Philosophie
1919 – 1929
Sachbuch

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Ein besonderes Jahrzehnt der Denker, der großen Aufbrüche soll es gewesen sein, das Jahrzehnt vor genau hundert Jahren. Der Autor Wolfram Eilenberger vergleicht die Lebensgeschichten und Erkenntnisse von vier Philosophen miteinander. Ludwig Wittgenstein, Martin Heidegger, Walter Benjamin und Ernst Cassirer. Auch wenn sich diese Herren nur am Rande wirklich zu Lebzeiten begegneten, so teilen sie doch die Denkweise. Heidegger und Wittgenstein zogen sich in einsamen Hütten von der Welt zurück, Benjamin suchte dagegen wie Cassirer die pulsierende Großstadt, um Klarheit zu fassen. In kurzen Kapiteln skizziert Eilenberger vier Lebensentwürfe, die voller Inspiration und Motivation stecken.
Es gibt keinen Zweifel, schrieb Wittgenstein in seinem „Tractatus“: „Denn Zweifel kann nur bestehen, wo eine Frage besteht; eine Frage nur, wo eine Antwort besteht, und diese nur, wo etwas gesagt werden kann.“
Oder: „Alles, was dem Leben und der Welt, in der wir leben, im eigentlichen Sinne Sinn verleiht, befindet sich jenseits der Grenzen des direkt Sagbaren.“ Das ermöglicht Kunst und Philosophie, die das umkreisen, das nährt die Kraft der Fantasie.
Wir erfahren aber auch viel Menschliches, Schrullen und Eigenheiten. Sympathisch, dass Walter Benjamin, ein Vermögen für seine Sammlung alter Kinderbücher ausgab. Oder Ernst Cassirer sind von den anderen Denkern unterschied, indem er als einziger, im Vergleich mit den anderen drei, keine große Sache aus seiner Schöpferkraft machte, er tat es einfach.
Zeit der Sinnsucher, Zeit der Zauberer. Auch wenn Eilenberger weder zeigefingerhaft in die Gegenwart verweist noch ausdrücklich Bezug nimmt, so liegt es nahe, die Welt von damals mit heute zu vergleichen. Die Suche nach Glück, Sinnerfüllung, der Rückzug in die Askese, Minimalismus, der aufkeimende Antisemitismus.
Der Autor schafft es, schwierige philosophische Ansätze leicht verständlich und anregend aufzubrechen, ohne die gehaltvollen Aussagen der Philosophen zu verwässern. Das ist ein großes Lesevergnügen, kurzweilig und spannend.

Weitere Infos zum Buch und der Autor, hier auf der Verlagsseite.

Klett Cotta Verlag, 431 S., Hardcover.



Jessica Braun

Träum schön - Reisetagebuch für die Nacht

illustriert von Rinah Lang

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Tausend Gründe ein Traumtagebuch zu führen. Alle, die schwer in den Schlaf finden, alle, die Schlafen für das nächste große Abenteuer halten, alle, die wissen wollen, was hinter den Merkwürdigkeiten steckt, die sich uns hinter verschlossenen Lidern offenbaren.
Mindestens ein Grund ist jetzt dieses schöne Buch. Es besteht zu einer Hälfte aus einem tippgebenden Traumreisebuch und zur anderen aus einem Notizbuch, das insgesamt von wunderschönen Collagen der Berliner Illustratorin Rinah Lang begleitet wird.
Wie wir uns nach dem Aufwachen am besten an unsere Träume erinnern, warum wir fast ein Viertel unseres Lebens wegträumen, wie wir Albträume bändigen können und vieles mehr. Doch es gibt auch Platz für Experimente im Traumlabor. So finden wir eine Menge Inspiration also, um sich bald niederzulegen und wie nebenbei, ganz entspannt, in das eigene, sehr spannende Lebensbuch einzutauchen, das uns der Schlaf schenkt.

Weitere Infos zum Buch und der Autorin, auch mit weiteren Abbildungen, hier auf der Verlagsseite.

Lübbe Verlag, 240 S., Paperback.



Anthony McCarten 

Jack 

Roman


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Ich dachte, der Roman dreht sich um Jack Kerouac, den Schriftsteller von „Unterwegs“. „On the road“ im Original, das „Sinnbild der menschlichen Reise“ (S. 26). Aber auch, wenn die Geschichte mit seiner Beerdigung beginnt, dreht sich die Handlung hauptsächlich um die Ich-Erzählerin, die mehrere Identitäten birgt. Anfangs ist sie die Biografin oder will besser gesagt Kerouacs Biografin werden. Mit einer List erlangt sie seine Aufmerksamkeit. So lernen wir den Schriftsteller kurz vor seinem Tod kennen und erahnen nur noch den Glanz der „Beat-Generation“. Jack ist aufgedunsen und übergriffig, ein träger Alkoholiker, der vor dem Fernseher säuft. Wo sind sie hin, seine wilden Jahre voller Abenteuerlust und Widerstand gegen alles, fragt sich die Erzählerin zusammen mit uns Lesern. Doch nach und nach erfahren wir mehr, in prägnanten Bildern zeichnet Anthony McCarten die Lebensgeschichte von Kerouac und seinen Freunden, verwendet dabei Metaphern wie diese: „…zwängte er ihr einen Hundertdollarring über den geschwollenen Ringfinger, wie jemand, der im Schneesturm einen Reifen wechselt.“
Dank des leichten, spielerischen Schreibstils entfaltet sich eine wendungsreiche Geschichte, die mit allen Erwartungen bricht. „Das Leben ist nicht die Geschichte dessen, was man vermieden hat; es handelt hauptsächlich von den Dingen, die uns unaufgefordert in die Hände fallen, die uns über den Weg laufen, ohne dass wir nach ihnen suchen…“ Und was die zu schreibende Biografie betrifft, so fällt der Ich-Erzählerin an einer Stelle ein Zitat von F. Scott Fitzgerald ein: „Von einem guten Romanschriftsteller hat es noch nie eine gute Biographie gegeben. Kann es nicht geben. Es stecken zu viele Menschen in ihm, wenn er wirklich gut ist.“ Nach diesem Maßstab war Jack ein sehr guter Schriftsteller.

Weitere Infos zum Buch und der Autor, hier auf der Verlagsseite.
Diogenes Verlag, 256 S., Hardcover.



Carry Ulreich
Nachts träum ich vom Frieden
Tagebuch 1941 bis 1945


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Jedes Tagebuch, das im Zweiten Weltkrieg geschrieben wurde, und das auch noch aus den Niederlanden stammt, vergleicht man beim Lesen unweigerlich mit Anne Franks Tagebuch. Im Unterschied zu Anne Frank überlebt Carry Ulreich
die Nazidiktatur. Das Tagebuch besteht aus mehreren Heften. Es beginnt mit der schleichenden Bedrohung durch die Nazis, als den holländischen Juden immer mehr Rechte aberkannt wurden, bis zum Leben im Versteck und der Befreiung. Das besondere an Carry Ulreichs Notizen sind die Einblicke in die Lebensweise der streng gläubigen jüdischen Familie und ihr genau beobachtender Blick des Zusammenbruchs ihrer Heimat Rotterdam. Ihre Einträge führen uns Lesern das Glück vor Augen, dass diese Familie zum Überleben brauchte. Manchmal wagten sich die Untergetauchten sogar auf die Straße. Doch von überall lauerte Gefahr und Willkür. Ein Bangen zwischen Hunger und Hoffnung. Trotz allem erlebte Carry Ulreich als junge Frau schöne Momente, machte das Beste aus der langen Zeit im Versteck, indem sie das Grauen und die Angst um sie herum auszublenden versuchte. Ein wichtiges Zeitdokument und eine berührende Lebensgeschichte, die nicht vergessen werden darf.

Weitere Infos zum Buch und der Autorin, hier auf der Verlagsseite.
Aufbau Verlag, 394 S., Hardcover mit vielen s/w Abbildungen.




Nadja Spiegelman
Was nie geschehen ist

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Die Tochter des vielfach ausgezeichneten Zeichners Art Spiegelman, der mit seinem Holocaust-Comic „Maus“ weltberühmt wurde, erzählt in poetischen Worten und Bildern ihre Familiengeschichte. Ihr Leben ist mit dem ihrer Mutter und Großmutter so dicht verwoben, dass beim Lesen manche Erzählstränge verschwimmen. So schildert sie das Aufwachsen dreier Frauen, zuerst in Frankreich und später in Amerika. Vom Paris der 60er Jahre bis in Gegenwart New Yorks. Zwischen High-Society und tiefem Absturz, Verletzungen, Wut, Emanzipation. Besonders die Leidensgeschichte von Nadja Spiegelmans Mutter berührt. Francoise, die sich nach nichts mehr sehnt, als nach der Anerkennung, erfährt als Kind und Jugendliche von ihrer Mutter nur Ablehnung und Zurechtweisung. Als wäre sie nicht liebenswert. Das wiederum spiegelt sich später ihrer Tochter Nadja wider. Das Eis bricht erst, als Nadja Spiegelman anfängt, die Geschichte ihrer Mutter aufzuschreiben. Vorher erhielt sie als Antwort auf ihre Fragen stets nur ein „Davon erzähle ich dir, wenn du älter bist.“ So sah sie bloß die ausgefransten Ränder der Löcher von den Geschichten, spürte lediglich die Nachbeben von Explosionen. Aber als sie ihre Mutter zu Gesprächen überreden kann und sie endlich zu erzählen anfängt, beginnt sie zu verstehen, was Francoise innerlich bewegt, was sie verletzt hat und was sie überleben ließ. Anfangs sagte Francoise: „Du weißt schon, dass das, was wir hier machen, große Ähnlichkeit mit Maus hat.“ Auch Art Spiegelman hatte einst seinen Vater befragt, sich die qualvolle Reise durch deutsche Konzentrationslager erzählen lassen. Art Spiegelmans Mutter beging mit zwanzig Selbstmord. Sein Vater verbrannte ihre Tagebücher. Aber Nadja Spiegelman will bewahren und verstehen. Ihre Mutter war und ist für sie ein Kraftfeld, dass ihr und ihrem Bruder alle Angst nahm, als sie noch Kinder waren. Und wir Leser begreifen beim Lesen dieses Buches, dass uns nur die Auseinandersetzung mit unseren Wurzeln, und sei sie auch noch so schmerzlich, weiterbringt.

Weitere Infos zum Buch und der Autorin, hier auf der Verlagsseite.

Aufbau Verlag, 394 S., Hardcover mit vielen s/w Abbildungen.




Jessie Burton
Das Geheimnis der Muse
Roman
Aus dem Englischen von Peter Knecht

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London 1967 und ein Dorf in Andalusien 1936. Zwei junge Frauen, die sich emanzipieren und ihren eigenen Weg gehen. Odelle Bastien, eine Immigrantin aus Trinidad will Dichterin werden, obwohl sie längst Gedichte schreibt. Doch sie traut sich und ihrem Talent noch nicht. Um zu leben, jobbt sie in einer Londoner Kunstgalerie, dort sieht sie ein Gemälde, das ein Geheimnis umgibt. Eine grausame Szene, die nach einer Legende gemalt wurde, die aber auch wegen ihrer Art der Darstellung alle Betrachter beeindruckt. Noch dazu ist der Künstler verschollen. Parallel dazu springt die Geschichte in die Zeit des spanischen Bürgerkriegs, durch die Sicht einer jungen Malerin namens Olive Schloss in Andalusien, erlebt der Leser die Entstehung des Gemäldes. Man erhält Einblick in das eigenwillige Leben und Denken von Künstlern und Kulturschaffenden, das durch den Krieg zu zerbrechen droht. Der Roman ist spannend erzählt, in ihm stecken viele ergreifende Ideen, über die Kunst, die Liebe, die Politik der Vorkriegs- und Nachkriegszeit und die Emanzipation, aber leider sind manche Passage zu breitgetreten und werden viele Einfälle zu oft wiederholt, das trübt das Lesevergnügen und verwässert die Geschichte unnötig.








Jörg Bernardy
Philosophische Gedankensprünge
Illustriert von Linda Wölfel

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Allein optisch ist das Buch eine Augenweide und pures Betrachtungsvergnügen für junge und alte Philosophen. Handgeletterte Überschriften und wunderschöne Collagen von Linda Wölfel begleiten die inspirierenden Texte von Jörg Bernardy. Denk selbst ist das Motto. Ich, der Mensch, die Natur, Tiere, Freundschaft, Sprache, Liebe, Gesellschaft, Medien und Sinn heißen die Kapitel und bieten philosophische Fragen über Existenz und Ethik, Moral und Smartphone. Schön gestaltete Einsprengsel richten sich mit Aufgaben direkt an den Leser. Gibt es ein Wort…das nichts bedeutet? …das dir nichts bedeutet? …für das du dir eine andere Bedeutung wünscht? …dessen Bedeutung niemand kennt außer dir? Oder wie weit würdest du gehen, um Aufmerksamkeit zu bekommen? Was gehört zu meiner Privatsphäre und was nicht? Gesellschaftskritisch, engagiert und sehr eigen springt der Autor durch die Geschichte der Philosophie in die Gegenwart und die Sinnfragen, die Jugendliche heute beschäftigen. Denken ist ein Abenteuer, das dich verändern kann, heißt es auf der Buchrückseite. Wer nicht hinterfragt, verarmt. Ein Buch, das den Alltag bereichert, wachrüttelt und -schüttelt und einfach großen Spaß macht. Das beste Geschenk für Grübler und Sinnsucher.

Weitere Infos zum Buch und der Autorin, hier auf der Verlagsseite.
Beltz und Gelberg Verlag, 140 S., Hardcover mit vielen farbigen Illustrationen.



Andrea Gerk
Lob der schlechten Laune

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Zwischen den vielen Glücks- und Heilsversprechungsratgeber fällt dieses Buch natürlich auf. Wer, und wenn auch für sämtliche Nahestehenden offensichtlich, ist schon ein bekennender Grantler? Dabei setzt sogar die gesamte Unterhaltungsindustrie auf sie. Ob Hauptfigur in Büchern, Filmen, Theaterstücken, am alles verderbenden und damit zugleich infrage stellenden Miesepeter führt kein Weg vorbei. Die meisten Komödien ziehen ihre Kraft aus dem mit seiner schlechten Laune, er oder sie kriegt die meisten Lacher ab, stiehlt nicht nur den anderen die Show und, was noch besser ist, bleibt als starker Charakter in Erinnerung. Wir wissen, dass uns nichts mehr langweilt, als ein bestgelaunter Hauptdarsteller in einem Film. Wem alles gelingt, alles zufliegt, das pure Glück ausstrahlt, wirkt einschläfernd. Aber auch die Wandlung vom Griesgram zum Glücksinhaber muss glaubhaft verkörpert sein. Angefangen bei Hans Moser, dem Wiener Charakterdarsteller, den vermutlich nur noch die ältere Generation kennt, über Simon Brenner von Wolf Haas bis zu dem schwedischen Bestseller „Ein Mann namens Ove“. Andrea Gerk stellt viele in kurzen Abrissen dar und falls die Leserin sich bisher mit ihrer schlechten Laune allein in weiter Flur fühlte, nun hat sie illustre Gesellschaft. Hier ist für jeden etwas dabei. Eingangs wird mit einem Zitat von Georges Simenon das Recht zur schlechten Laune erteilt. Wir lernen den Unterschied zwischen den Launen von Mann und Frau und auch die Kunst des Schimpfens, schulen ein Herz für Hochsensible, die mit ihren Zwängen zurechtkommen müssen und tauchen ein in die Prominenz von Kinderbuchklassikern und klassischen Helden wie Schopenhauer & Co. Das schön gemachte Buch ist gespickt mit amüsanten Literaturbeispielen und Abbildungen, die Lust auf weitere Recherche machen. Am Ende kann man gegen die schlechte Laune ankämpfen oder ihr etwas Gutes abgewinnen, im besten Fall dieses tolle Buch.

Weitere Infos zum Buch und der Autorin, hier auf der Verlagsseite.

Kein & Aber Verlag, 304 S., Hardcover mit vielen s/w Abbildungen.

Ben Miller
Anybody out there?
Die faszinierende Suche nach außerirdischem Leben

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Der britische Schauspieler Ben Miller forscht über Außerirdische, naja, nicht wirklich. Er beschreibt in diesem Buch auf sehr amüsante Weise die bisherigen Erkenntnisse, die die Wissenschaft bei der Suche nach Außerirdischen gewonnen hat. „Vergesst Science-Fiction, ihr erlebt gerade eine der unglaublichsten Revolutionen in der Geschichte der Wissenschaft: Immer mehr Physiker, Biologen und Chemiker glauben mittlerweile, dass wir nicht allein sind.“ So nimmt er uns Leser mit auf die spannende Reise ins Weltall und wieder zurück, führt uns zugleich die Schönheiten der Erde vor Augen. Von der Mikrobe bis zu Signalen der Aliens. Das ist witzig, oft verblüffend absurd. Inklusive UFO-Sichtungen. So manche galaktische Spurensuche liest sich wie ein Krimi und bietet viel Stoff zum Nachdenken. Am erstaunlichsten findet Ben Miller, wie lange es gedauert hat, bis sich so manche Erkenntnis durchsetzte. „Wenn es um die Wirklichkeit geht, sind wir Menschen nicht unbedingt die verlässlichsten Kreaturen. Wir sehen nicht nur Dinge, die es gar nicht gibt, sondern wir ignorieren auch solche, die tatsächlich vorhanden sind...“ Ein großer Lesespaß für Abgehobene und Bodenständige zugleich.





Ali Smith
Wem erzähle ich das?

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Ein Buch der Trauer und Melancholie. Beim Aufräumen und Sortieren der Hinterlassenschaft der Geliebten reüssiert die Ich-Erzählerin über gemeinsam Gelesenes und Erlebtes. Dadurch reinigst sie auch ihre Seele und lässt den Schmerz zu. So begegnet der Leser Künstlern und Begebenheiten der Kunst- und Literaturgeschichte als säße er als dritter mit im Zimmer und lausche dem intimen Dialog zweier Frauen. Dieser Umstand wirkt etwas bemüht, die wiederkehrende Anrede mit „Du“, die der toten Geliebten gilt, lässt den Leser als Voyeur dabeisitzen. Manchmal lockert sich der Erzählton, sobald Ali Smith tiefer in die Literatur eintaucht und sich mit Romanfiguren, Autoren und ganz persönlichen Erlebnissen beschäftigt, vergisst man die Rahmenhandlung. So breitet sie ihr Wissen nach und nach aus, gibt Einblick in die Psychologie, in die Auseinandersetzung mit Sprache und Sprachformen. Auch wenn es für die Autorin vermutlich der beste Weg war, dieses Buch zu schreiben, berührt diese gewählte Form nicht wirklich und verwässert leider die vielen klugen Gedankengänge. Schade.


Weitere Infos zum Buch und der Autorin, hier auf der Verlagsseite.
Luchterhand Verlag, 224 S., Hardcover mit vielen s/w Abbildungen.



Daniel Cooney
Comics und Graphic Novels zeichnen
Wie man Charaktere kreiert, zeichnet und zum Leben erweckt


Daniel Cooney, ein professioneller Comiczeichner, gibt seine Erfahrungen weiter. Aufgeteilt in erste Schritte, detaillierte Kopf- und Gesichtszugsübungen für die Mimik, um Gefühle auszudrücken, dann das Zeichnen ganzer Figuren mit ihren speziellen Körperhaltungen, über die Kleidung (Faltenwurf, Licht und Schatten) und schließlich das Aufteilen von Comicseiten. Wie schon Leonardo da Vinci erkannte, muss man das Verborgene, die Muskeln und Knochen unter der Haut, kennen, um Körperhaltungen exakt darstellen zu können. Das zeigt das Buch in genauen Schritt für Schritt Anleitungen mit ausführlichen Texten und Bildern. Auch die Bewegungsabläufe der Wirbelsäule, die als senkrechte Achse beim Zeichnen mitgedacht werden soll, damit Figuren nicht kippen, werden erläutert. Ein Extrakapitel am Schluss informiert über die Besonderheiten von Graphic Novels. Abgerundet wird das Ganze mit einem Glossar der Comicwelt und einem Inhaltsverzeichnis zum leichten Wiederfinden von Gesuchtem. Zusätzlich aufgelockert ist das Buch mit Profi-Tipps bekannter Comiczeichner. Ein wirklich fundierter Ratgeber, der alle weiterbringt, die Grundlagen im Zeichnen üben und sich verbessern wollen. Fortgeschrittene finden hier ein schnelles, übersichtliches Nachschlagewerk und neue Anregungen.

Frech Verlags, 192 S., großformatiges Taschenbuch.



Stephen Anderton
Die großen Gärtner
40 Persönlichkeiten – 500 Jahre Gartengeschichte

Betrachten, lesen und schwelgen. In diesem prächtigen Bildband werden sage und schreibe fünfhundert Jahre Gartengeschichte ausgebreitet. Quer durch die Welt. Allein wie Vita Sackville-West auf den ersten Seiten perfekt gestylt, aber scheinbar konzentriert jätet, gefolgt von alten Seiten aus Gartenbüchern und wunderschönen Tuschezeichnungen. In den Porträts werden die Eigenheiten der jeweiligen Gärtner beschrieben, wie sie zu dem wurden, was sie sind. Ihre Pflanzschwerpunkte, ihre Visionen, ihre Vorbilder und Einflüsse. Das ist spannend und lehrreich zugleich. Z. B. Penelope Hobhouse, die von der Renaissance fasziniert war, und auf einem Bauernhaus bei Florenz lebte, um die italienischen Renaissancegärten besuchen zu können. So bekam sie ein Gefühl dafür, wie sie strukturiert waren und in welchem Verhältnis die Gartenanlagen zu den Häusern stehen sollten. Darüber schrieb sie dann Bücher und beriet wiederum andere Gärtner. Oder vermutlich besser gesagt Gartenbesitzer, wie Steve Jobs, den Mitbegründer von Apple. Die persönlichen Erzählungen heben diesen Bildband aus den Reihen der trockenen Ratgeberbücher heraus.
So freut man sich noch mehr aufs Frühjahr und kann es gar nicht erwarten, inspiriert von diesen Meistern der Gartenkunst. selbst in der Erde zu buddeln.





Philipp Barth
Von der Kunst, einfach anzufangen

Das Lieblingsgetränk bereitstellen, den Bleistift spitzen, das Telefon lautlos stellen und die WLAN-Verbindung kappen. Alles ist bereit, doch man sitzt vor dem leeren Blatt oder dem blinkenden Cursor und weiß nicht wie anfangen. Hier schaltet sich Philipp Barth ein, der Autor für kreative Lösungen. Wie auch schon in seinen Vorgängerbüchern „Aufmerksamkeit“ und „das Buch für Ideensucher“ widmet er sich wieder ausführlich und kompetent einer Angelegenheit, die besonders kreative Menschen befällt. Dieses Mal gibt er Anregungen, überhaupt erst in ein Projekt einzusteigen. Insider kennen den Fachbegriff der weitverbreiteten Krankheit: Aufschieberitis. Zuerst die gute Nachricht im ersten Kapitel. Die Krankheit ist heilbar, weiter geht es über die Fokussierung des Ziels bis zum Weg dahin und endlich beginnt das pure Vergnügen. Doch wer selbst an Aufschieberitis leidet, weiß, dass alle wohlgemeinten Tipps nichts nützen, denn jeder Tag fängt mit dem gleichen Ritual an. Also hilft nur eins. Austricksen und die Angst vorm leeren Blatt besiegen. So kommt man in zehn Schritten ans Ziel. Der Autor gibt konkrete Tipps, z. B. erläutert er hilfreiche Apps oder sagt wie man eine Schreibhemmung wieder zum Fließen bringt. Außerdem enthält das Buch Projekt-Pläne, die den inneren Zweifler austricksen und den vor einem liegenden Berg in kleine Portionen aufteilen. Wie immer ist das Buch auch wunderschön gestaltet. Eine Augenweide für Designer und macht darum schon allein deswegen Lust loszulegen. Das Tolle ist, auch Pausen fördern die Kreativität. Philipp Barth als Mentor hilft uns einfach dranzubleiben.









Frau Annika & friends
Handlettering – Das große Buch der Alphabete

Frau Annika, alias Annika Sauerborn ist Expertin für handlettering, früher Schönschrift genannt. Doch hier, beim Schreiben mit Pinsel, Füller oder Filzstift geht es um mehr. Handlettering ist meditativ, es entspannt den Geist und freut die Seele. Die wunderschön gestalteten Seiten in diesem Buch laden zum kreativen Ausprobieren, zum Spielen mit Buchstaben, kurz sie inspirieren sehr. Dreizehn Bloggerinnen stellen ihre Lieblingsalphabete vor, erzählen wie sie zum Schönschreiben kamen, was ihre Eigenheiten und Wiedererkennungsmerkmale sind. Außerdem geben sie konkrete Tipps wie die Schnörkel und Buchstabenabstände auch Anfängerinnen gelingen. Sogar ein Exkurs über „Lettering digitalisieren und bearbeiten“ ist dabei, wer zum Beispiel ans Selbstposten oder Glückwunschkarten drucken denkt. Gerade die Vielfalt und Eigenwilligkeit macht die Besonderheit dieses Buches aus, so wird hier jede lesende Schreibkünstlerin fündig und kann sich danach in eigenen Alphabeten erproben.   

@frauannika @mayandberry @frau_mesas  @a.good.feeling.after @maedchenkunst
@happyliee@frau.liebling @dotsandstripes_blog@gelbkariert.de @buntegalerie @letterooo





Bernhard Schlink
Olga
Roman


Der Anfang verzaubert. Ein kleines Mädchen steht einfach nur da und beobachtet das Geschehen um es herum. Olga. Dann sterben die Eltern und das Mädchen muss zur garstigen Großmutter in Pommern, die es sogar umtaufen lassen will, aber Olga leistet Widerstand. Ihre weitere Lebensgeschichte entfaltet sich in groben Zügen, wie Blitzlichter zeigt Bernhard Schlink eindringliche Szenen. Dabei tun sich keine menschlichen Abgründe auf, wenn Olga Schlimmes widerfährt, erfährt der Leser es eher beiläufig. Olga nimmt hin, was geschieht, zugleich lernt sie aber auch nach und nach, sich zu behaupten. Es sind die leisen Töne, die Besonderheiten im oft harten Alltag, die diesen Roman zu etwas ganz Besonderem machen. Eine Kinderliebe wird zur Lebensliebe, Olga und Herbert. Doch im Gegensatz zu Olga, die im Hier und Jetzt das beste aus ihrer Situation macht, was der Autor im Bild des Stehenbleibens und Beobachtens zeigt, zieht es Herbert in die Welt hinaus. Anders als Olga rennt er am liebsten. Erst kämpft er gegen die Hetero in Afrika, wird Teil der Völkervernichtung durch die Deutschen, dann plant er eine Arktis-Expedition, inzwischen ist es kurz vorm 2. Weltkrieg. Und als er nach Norden aufbricht, verzehrt sich Olgas Liebe zu ihm. Kurz vor der Mitte des Buches ist ihr Leben zu Ende und ich fragte mich, was noch kommt und nun erklärte sich die erzählerische Distanz. Es gibt eine Ich-Perspektive und dieses Ich trägt Olgas Geschichte weiter. Somit bleibt der Roman berührend und spannend bis zur letzten Zeile. Wie in seinen anderen Büchern schafft es Bernhard Schlink wieder einmal den Leser in eine leise, und gerade darum so eindringliche Welt zu entführen. Das ist große Erzählkunst, die fesselt und den eigenen Alltag beschwingt.  










Chris Kraus
Das kalte Blut
Roman

In diesem Roman geht es um die radikale, systematische Vernichtung von Menschen während des zweiten Weltkriegs. Aus Sicht des Täters. Zwei Brüder werden als SS-Männer mit der „Säuberung“ im Osten und Westen des „Großdeutschen Reichs“ beauftragt. Beide lieben sie die Jüdin Ev, die traumatisiert aus Auschwitz zurückkehrt, wo sie zur Folterung von Häftlingen gezwungen wurde. Nach dem Krieg wechseln die Brüder Hub und Koja zu anderen Geheimdiensten, CIA und KGB, dienen als Doppelagenten mal hier mal da der „Sache“. Harte Kost, die anfangs in schönen Bildern und einem lockeren Erzählstil in das Buch zieht. 1974 beichtet der Ich-Erzähler Koja einem Hippie-Leidensgenossen in einem Krankenhaus seine Vergehen. Dabei schweift er immer wieder in melancholische Erinnerungen ab. Koja ist ein Künstler, hält alles mit Graphit auf Papier fest, lernt  Heinrich Himmler kennen und beeindruckt ihn. Sein Bruder Hub möchte den „Zartbesaiteten“ beschützen. Er sorgt dafür, dass Koja versetzt wird, sobald er zu Massenhinrichtungen abkommandiert werden soll, doch eines Tages kann Hub es nicht mehr verhindern. Und Koja ballert ein ganzes Magazin auf einen Säugling. 
Es gibt wunderschöne Metaphern in dem Buch, aber die will man als Leser mit zunehmender Enthüllung der Grausamkeiten nicht mehr genießen. Der Roman erinnert an die wahren Schicksale und pflanzt sie damit in die Gedächtnisse von uns Nachgeborenen ein oder besser, er ätzt sie ein. Der humorige Ton erinnert an Edgar Hilsenraths "Der Nazi und der Friseur", hat aber leider nicht dessen durchkomponierte Wucht. Er ist nur genauso schwer auszuhalten. Durch das ausführliche Nachwort erfährt der Leser die wahren Hintergründe und die schriftstellerischen Vorbilder des Autors. Chris Kraus ist Filmemacher, der u. a. den großartigen Film „Vier Minuten“ gemacht hat. Für „Das kalte Blut“ hat er penibel in seiner eigenen Familiengeschichte recherchiert. Trotz bester Absichten zerfällt der Roman für mich als Leserin aber eher in einen Bericht als in eine runde Gesamterzählung, wie es z. B. Günther Grass’ Die Blechtrommel für mich schaffte. Ein bedrückendes Buch, das durch die bildhaften Szenen womöglich als Film besser funktioniert.  


Buchinfos:
Diogenes Verlag, Hardcover und Ebook, 1200 Seiten


Konstantin Wecker
Das ganze schrecklich schöne Leben
Die Biographie

„Ich reit auf einem Wattebausch die Zeit entzwei.“
Dies ist keine Autobiografie des großartigen Musikers und Dichters, sondern in diesem Buch reflektiert auch sein Tourbegleiter Günter Bauch die gemeinsame Zeit. Ein Drittel der Kapitel stammt vom Herausgeber der bisherigen Wecker-Biografien Roland Rottenfußer. Und natürlich kommt auch Konstantin Wecker selbst kommt zu Wort. Anlässlich seines 70. Geburtstags erschienen, nehmen wir an bitteren und schönen, auf jeden Fall einmalige Erfahrungen teil. Wir begleiten die Entstehung seiner Werke, hören von der Inspiration und erfahren wie Klassiker wie „Wenn der Sommer nicht mehr weit ist“ oder „Genug ist nie genug“ entstanden. Sein Werdegang, seine Anfänge und ersten Auftritte werden geschildert, aber auch sein politisches Engagement. Wecker ist ein besessener, verbissener Künstler, der immer für seine Kunst und seine Anliegen eintritt. Eine Zeitlang zog er sich aus der Öffentlichkeit zurück, wandte sich der Innerlichkeit zu (wie es auf S. 145 heißt), dadurch entstanden Kindermusicals und z. B. die Musik zu Jutta Richters Geschichte „Das Kind auf den Bäumen.“ Gegenwärtig steht er wieder auf Seiten der Hilfsbedürftigen, aber nicht nur er, auch seine Frau und sein Sohn engagieren sich für Flüchtlinge.
Jeder der drei Autoren hat seinen eigenen Blickwinkel auf das Geschehen und so kann sich der Leser selbst ein Bild machen.
Wecker erzählt er von seinem liebevollen Elternhaus. Die Mutter war seine Förderin, stand zu ihm, als er wegen Drogenbesitz verurteilt werden sollte, setzte sich ganz nach vorne und fixierte den Richter während des Prozesses. Der Vater, selbst Musiker und Maler, nahm sein Talent mit ins Grab, förderte aber seinen Sohn von klein auf und wollte aus Konstantin einen Opernsänger machen. Ihm hat er auch ein sehr berührendes Lied gewidmet.
Das vielfältige Buch enthält viele seiner Gedichte und Liedtexte und ist damit ein wunderbares Geschenk für sich als Fan des Münchner Ausnahmekünstlers oder für andere zum Wiederentdecken und begleitendem Wiederhören.


Buchinfos:

Gütersloher Verlagshaus, Ebook und Hardcover, Knaus Verlag, 480 Seiten


Annette Mingels
Was alles war
Roman

Allein das Eingangszitat von Margaret Atwood gefällt mir: Wenn man sich mitten in einer Geschichte befindet, ist es keine Geschichte, sondern nur eine große Verwirrung...ein Durcheinander aus zerbrochenem Glas...Erst hinterher wird daraus eine Geschichte. Das ist für den Roman perfekt gewählt, wie ein Schild an der Eingangstür.  Die Struktur liefern die Kapitel, die sich in fünf Akte gliedern: „Anfangen, Lieben, Verlieren, Weitermachen und Finden“.

Ein Roman über Adoption und die verschiedenen modernen Formen des heutigen Familienlebens. Die Hauptfigur Susa wurde (wie die Autorin Annette Mingels) selbst adoptiert. Als Meeresbiologin betreibt Susa Wurmforschung, was wie eine Metapher für das Wühlen in der eigenen Familiengeschichte steht. Überhaupt die Metaphern in dem Roman gefallen mir, da ist die Icherzählerin mal sichtbar wie ein Fisch im Aquarium, als sie von einem Mann durch das Fenster beim Ausziehen beobachtet wird. Anfangs wird Susa noch nicht selber aktiv, sondern ihre Mutter meldet sich mit einem Brief und möchte sie treffen. Mit zehn erfuhr sie, dass ihre liebenden, fürsorglichen Eltern nicht ihre richtigen Eltern sind und als sie das nun ihrer eher verkorksten leiblichen Mutter erzählt, fühlt sie sich wie bei einer Prüfung. Ihre Kehle ist wie zugeschnürt. Was sie erfährt, lässt sie nicht los, sie forscht selbst nach ihren Brüdern und nach ihrem Vater, hat in ihrem bisherigen Leben zugleich aber auch Schicksalsschläge zu verdauen. Der Leser erlebt nicht nur ihre Familiensuche mit, sondern auch die der anderen Figuren. Jeder hat seine Geheimnisse und zusammen ergeben sie ein buntes Puzzle, der zu diesem besonderen Familienroman führt.


Buchinfos:
Ebook und Hardcover, Knaus Verlag, 288 Seiten





Monika Gause
Adobe Illustrator CC
Das umfassende Handbuch

Ob man sich als Einsteiger mit dem Adobe Illustrator Programm vertraut machen möchte oder seine Kenntnisse erweitern will. Mit seiner klaren Struktur und dem ausführliches Index bietet dieses dicke Buch Lösungsvorschläge für nahezu jedes Problem. Illustrator-Anfänger können sich Seite für Seite durcharbeiten, Workshops erleichtern das Lernen Schritt für Schritt. Schriftgestaltung oder freie Illustration, Produktwerbung oder Industriedesign sind nur wenige Beispiele. Dieses Buch ist ein unverzichtbares Nachschlagewerk, das nicht nur inhaltlich und optisch, sondern auch haptisch sehr gut gemacht ist. Eine Inspiration für alle Sinne! 

Checklisten für die wichtigsten Fragen und Problemfälle erleichtern das Suchen. Die Autorin Monika Gause ist selbst Kommunikationsdesignerin, Dozentin und Software-Trainerin und seit Jahren zuständig für die Handbücher zu diesem Programm. Sie legt hier eine fundierte Neuausgabe vor und beginnt mit der Arbeitsumgebung in Illustrator CC, erklärt dann die Grundlagen einer Vektorgrafik (im Unterschied zu Pixeln, wie sie in Photoshop erzeugt werden) und zeigt in den nachfolgenden Kapiteln die einzelnen Anwendungsmöglichkeiten, jeweils mit ausführlichem Bildmaterial.   

Wie alle Werke des Rheinwerk Design Verlags ist auch dieses Buch unbedingt zu empfehlen. Ein echtes Handwerksbuch für Gestalter, die mit dem Illustrator Programm arbeiten und tiefer in die Geheimnisse der Vektorsoftware einsteigen oder mit Kenntnissen aus Photoshop ihr Wissen mit diesem Programm erweitern wollen. 



Henry Marsh
Um Leben und Tod
Ein Hirnchirurg erzählt

Ärzte sind auch nur Menschen, ja, das erfahren wir hier. Das Zittern und Bangen, wenn es um das Leben eines Patienten geht, wenn es um Millimeter geht, die das Mikroinstrument in das Gehirn vordringt. Wenn Entscheidungen zu treffen sind und Wahrscheinlichkeiten des Überlebens ausgerechnet werden müssen. Wenn das Organ, das uns alles ermöglicht, eben nur ein Organ, schwammiges Gewebe ist. Der englische Neurochirurg erzählt Persönliches, gibt kritische Kommentare und schildert Schicksale seiner Patienten, das nicht selten vom Zufall abhängt. Immer respektvoll ehrlich lernen wir so unser verborgenes Inneres kennen und begreifen medizinische Zusammenhänge. Ein spannendes Buch, das das Wunder Denken, Leben und Träumen erfahrbar zu machen versucht. 

Buchinfos:
Penguin Verlag, Ebook und Taschenbuch, 368 Seiten

Aaron Blabey

Böse Jungs

Band 1 und 2



Ein Wolf, ein Hai, ein Piranha und eine Schlange versuchen sich von ihrem negativen Image zu befreien, immer und überall die Bösen zu sein. Stattdessen wollen sie sich der guten Sache zuwenden und zu Helden werden. Leicht beschlossen, schwer umzusetzen. Um es mit dem Stempel auf dem Cover des zweiten Bandes zu sagen: MISSION UNMÖGLICH. Aber Wolf gibt nicht auf und treibt seine Leidensgenossen an, deren polizeiliches Führungszeugnis wenig vertrauenserweckend ist. Naja, so richtig leiden tun sie eh nicht, sie sind eher auf Spaß aus und der Leser und Betrachter dieser großartigen Bücher ist mitten dabei. Das absurde Bösewichtteam in Anzügen à la James Bond sprüht vor Eigensinn und Einfällen. Am Ende ihrer ersten Heldenreise fühlen sie sich sogar richtig gut und sind voller Tatendrang. Im zweiten Band geht’s weiter mit einer absurden Rettungsaktion. Was, wenn die, die gerettet werden sollen, gar nicht gerettet werden wollen? Egal, am Gutsein müssen schon allen mitarbeiten. Schließlich hat jeder seine Stärken. Frei nach dem Motto des 7. Kapitels: Vertrau mir, ich bin eine Schlange.


Der Australier Aaron Blabey hat eine Comic-Roman-Reihe der besonderen Art erschaffen. Der Autor und Illustrator ist auch Schauspieler, der sein darstellerisches Handwerk auf das Medium Buch zu übertragen versteht. Sogar die Schriftarten arbeiten an der Dramatik der Geschichte und ergänzen die witzigen Zeichnungen. Ein besonderes Vergnügen für Groß und Klein und zu Recht für den deutschen Jugendliteraturpreis 2017 nominiert.

Buchinfos:
Hardcover, Baumhaus Verlag, je 140 Seiten, alle Seiten illustriert.




Zum 200. Todestag von Jane Austen

Holly Ivins
Jane Austen
Eine Entdeckungsreise durch ihre Welt


Dieses optisch sehr schön gemachte Buch ist wirklich auch inhaltlich eine
Entdeckung. Ob bereits bekennender Fan oder Neuling, Jane-Austens Leben, ihre Romane mit den Figuren und Schauplätzen werden auf liebevoll amüsante Weise genau beleuchtet. Wie wurde sie zur Schriftstellerin, wer war ihre Familie?
Oder was ist eigentlich ein Gentleman, und welcher ihrer Romanfiguren erfüllt diese perfekten Maßstäbe und ist trotzdem nicht der beliebteste von allen? Denn laut einer Umfrage würden sich die meisten Frauen für Mr Darcy (aus Stolz und Vorurteil) entscheiden, der durch dieses Raster fällt.
Darüber hinaus erfährt man noch viel zeitgeschichtlich Interessantes. Über die Klassengesellschaft des 18./19. Jahrhunderts in England, die Rolle der Frau und warum Austen wenig Politik in ihren Büchern verarbeitet hat. Wer die Verfilmungen ihrer Bücher schätzt, mag bestimmt auch die Kostüme. Hier wird die aufwendige Garderobe und der streng geregelte Tagesablauf einer jungen Dame, die wie Jane Austen selbst, der sog. „Genty-Schicht“ angehörte, erläutert. An vielen Stellen kommt sie selbst zu Wort. Oder es gibt Querverweise zu ihren Romanen, die neugierig aufs Lesen oder Wiederlesen machen. Holy Ivins hat ein wunderschönes Kompendium zum Verschenken oder sich Selbstschenken erschaffen.

Buchinfos:
Hardcover, DVA Verlag, 241 Seiten





Sven Gerhardt
Die Heuhaufen-Halunken
Illustriert von Vera Schmidt
Kinderbuch ab 8 Jahren



Sommerferien auf dem Land, besser gesagt im Dorf Dümpelwalde, der Name ist Programm. Kein Freibad weit und breit. Die einzige Attraktion ist der Hahn Pavarotti, der jeden im Dorf mit seinem Gekrähe früh morgens schon aus den Federn treibt. Das könnten öde Ferien werden, aber nicht für die Heuhaufen-Halunken, eine Bande Kinder, die krumme Dinger drehen wollen. Zusammen stellen sie einen Ferienrettungsplan auf. Sie versuchen den alten Volvo wieder zum Laufen zu bringen, der in der Scheune bisher als Bandenquartier gedient hat, um ein paar Tage zum nächsten Schwimmbad zu verreisen. Operation Badehose! Anführerin Meggy hat alles fest im Griff. Zumindest bis ein Stadtjunge dazukommt und Mitglied werden will. Aber Meggy weiß, dass man an den Augen eines Menschen erkennt, wer zum Halunken taugt. Nur so kann man sein Gegenüber einschätzen. Bald klärt sich, ob der piekfeine Berliner Junge Freund oder Feind ist. Dieser Kinderroman sprüht vor Witz und Spannung. Unterstrichen wird das Lesevergnügen von den herrlichen zweifarbigen Illustrationen von Vera Schmidt.
Besonders gefallen haben mir auch die „Bauernweisheiten“ als Kapiteltitel. Dies ist ein Start in eine vielversprechende Abenteuerreihe.


Buchinfos:

Hardcover mit vielen Illustrationen von Vera Schmidt, cbj Verlag, 160 Seiten



Sempé
Für Bücherfreunde
Cartoons

Alles dreht sich hier um das Entstehen von Büchern, die Gefühle der Autoren. In den feinen Zeichnungen, die immer liebevoll auf ihre Figuren blicken, gibt es viel zu entdecken. Sempé nimmt den Literaturbetrieb aufs Korn, wie es nur jemand versteht, der mitten drin steckt und es bestimmt im Laufe der Entstehung seiner vielen Bücher selbst erlebt hat. Die guten Ratschläge, die angehende Autoren zu hören kriegen. Wie entstehen Romane? Wie hält man Ideen fest? Wie vermittle ich einem Verleger, dass ausgerechnet mein Roman den schweren Vorhang der bisher düsteren Literatur erhellen wird? Wie kann ein Autor das Marketing selbst vorantreiben? Am besten mit einem Spruchband, das ein Flugzeug über einen vielbevölkerten Campingplatz zieht. Die herrlichen Zeichnungen brauchen oft keine Worte, manchmal auch längere Sprechblasen oder Begleittexte, die dem Bild eine völlig andere Bedeutung verleihen. Enthalten sind auch Geschichten über mehrere Seiten oder auch Sempés große Kunst mit wenigen Strichen eine Szene festzuhalten.  

Ein Geschenk für Literaten und alle, die an und in Büchern die Welt messen.

Buchinfos:
Hardcover, um farbige Cartoons erweiterte Neuausgabe, Diogenes Verlag, 112 Seiten





Val McDermid
Anatomie des Verbrechens

Alle Krimis der Autorin sind megaspannend. Kein Wunder Val McDermid recherchiert sehr genau und hat durch die Fülle ihrer Bücher und Themen im Laufe der Jahre viele Experten befragt. Hier gibt sie nicht nur Einblicke in ihre Recherchen, sie schildert auch wahre Verbrechen und wie sie aufgeklärt wurden. Das Fachbuch über Forensik zeigt wie die Ermittler im Laufe der Zeit mehr und mehr Details in die Analyse eines Verbrechens einbezogen, um Todeszeitpunkt, -ursache festzustellen oder überhaupt einen Täter aufzuspüren. Das Kapitel „Pathologie“ klärt leider auch nicht über den Übersetzungsfehler auf, der sich hartnäckig im Deutschen hält (besonders bei Fernsehkrimis). Pathologen sind in Deutschland Experten, die Gewebe untersuchen. Korrekt heißt es Rechtsmediziner (nur in Österreich Gerichtsmediziner), nur sie, helfen der Polizei bei der Aufklärung verdächtiger Todesfälle. Aber dieses Manko sei verziehen. Gestalterisch sehr gelungen, ist eine Fliege auf den Seiten abgedruckt, die man beim Durchblättern am liebsten wegwischen möchte. Nicht nur im Kapitel „forensische Insektenkunde“, in dem erläutert wird, auf welche Weise die winzigen Tiere sogar einen weltweit gesuchten Serienmörder überführen können. Ein Sachbuch für alle Krimifans und –autoren, zum Nachschlagen, aber auch zum gruseligen Drinschmökern.

Buchinfos:
Paperback mit vielen Abbildungen und einer (oder vielen Fliegen), Knaus Verlag, 380 Seiten
  




Henrik B. Nilsson
Das geheime Manuskript des Hermann Freytag

 
Als leidenschaftliche Leserin und Autorin lese ich natürlich auch sehr gerne Bücher, die sich um Bücher und ihre Entstehung drehen. Wenn möglich verschachtelt mit ungewöhnlichen Blickwinkeln. Dies bekam ich mit dem „geheimen Manuskript“. Henrik B. Nilsson ist ein schwedischer Autor, der in Deutschland aufgewachsen ist und hier über das Wien am Anfang des 20. Jahrhunderts schreibt.
Wien 1910, der Held, Hermann Freytag, genießt mit allen Sinnen seinen Ruhestand. Es beginnt mit einem kurzen Epilog, in dem es um einen bedeutungsschweren Brief an die vatikanische Bibliothek geht. Hier geht es also mehr als „nur“ um Literatur, die große Politik hält ihre Fahne hoch. Beim Mokka in einem Wiener Kaffeehaus ahnt Freytag noch nicht, dass sein neuer Auftrag, einen Autor beim Verfassen eines Manuskripts zu unterstützen, das gemütlich eingerichtete Pensionsleben ins Wanken bringen wird. „Wenn der Komet vorübergezogen wäre und die Kopfschmerzen sich gelegt hätten, würde alles weitergehen wie bisher“, heißt es im letzten Kapitel. Dazwischen liegen herrlich kunstvoll geschriebene über 500 Seiten für Bücherfans, die Spaß an Sprache und feiner Wortwahl haben.   

Buchinfos:

Taschenbuch, btb Verlag, 575 Seiten



Gabriel Rolón
Der Psychologe

Seit der genialen Fernsehserie „Fitz“, lese ich gerne Romane, die einen Psychologen zum Ermittler machen. Der Autor, ein Argentinier, nimmt sich Zeit für den Ausbau der Figuren und so ist sein Kriminalroman viel mehr als die Aufklärung eines Falls. Dadurch haben auch wir Leser die Möglichkeit differenzierter hinzusehen, mehr als wir es vielleicht bei einem Polizeikrimi täten. Wie es sich für einen überragenden Psychologen gehört, ist Pablo Rouviot ein genauer Beobachter. Auch wenn er eigentlich ein Mann der Sprache ist, so weiß er, dass oft mehr hinter schnell dahin gesagten Worten steckt. Durch Körpersprache und Signale seiner Patienten nimmt er versteckte Botschaften auf. So geht die Bitte einer jungen Frau, die um ihren Vater trauert, bald über ein gewöhnliches Gutachten in den Stunden seiner Praxis hinaus. Nach und nach wird er in verbrecherische Machenschaften gezogen. Der Autor weiß wovon er schreibt, Rolón ist selbst ein sehr bekannter Psychoanalytiker in seiner Heimat. Den Leser erwartet kein reißerischer Krimi, sondern ein subtiler Spannungsschmöker, der, wenn man sich darauf einlässt, bis zur letzten Seite fesselt und lange nachklingt. Mit der Frage, wie hätten wir entschieden, wenn... 

Buchinfos:

Taschenbuch, btb Verlag, 379 Seiten





Markus Wäger
Das ABC der Farbe

Vom reinen Weiß bis zur absoluten Dunkelheit. Um Schwarz zu sehen, stellt man sich am besten einen Tunnel oder eine Höhle vor, die schnurgerade in die Tiefe eines Berges führt. Absolutes Weiß zu erfassen, ist uns nicht möglich, weil wir ohne Verletzung der Augen nicht direkt in das reinste Weiß, das Licht der Sonne blicken können. Auf welche Weise nehmen wir überhaupt Farben wahr? Wir brauchen Licht, um Umrisse zu erkennen, uns in der Dunkelheit zu orientieren. Ohne Schatten würden wir eine Kugel nicht als Körper wahrnehmen, sondern als Scheibe. Vor Goethe und seinem faszinierendem, ästhetisch schönen Aquarellfarbkreis kam Newton, der mit Prismen experimentierte, aber auch eine Analogie der Farben zur Akustik zu sehen glaubte. In diesem Buch erfahren wir alles von den Farben und ihrer Wirkung und erhalten übersichtliche Tipps für die Anwendung in der Praxis. Ein Index hilft bei der schnellen Suche nach bestimmten Begriffen, wie Tonwertspreizung (was ist das überhaupt?), Sättigung und dem Unterschied zwischen Magenta, Purpur und Rosarot. Allein das Blättern in diesem Buch ist ein Sinnesgenuss. Leichtes, griffiges Papier, ein Lesebändchen und hervorragende Illustrationen. Knappe, fundierte Texte erläutern die Bildbeispiele. Es enthält Mischverhältnisse für bestimmte Farbtöne, Farbskalen und Vorstellungen der verschiedenen Anwenderprogramme. Auf Grund des handlichen und doch relativ großen Formats können wir uns vor der eigenen gestalterischen Arbeit inspirieren lassen, so in die Farbenwelt eintauchen und beim Lesen die schönen Fotos und Farbbeispiele auf uns wirken lassen. Ein Buch, das am besten den Schreibtisch nie verlässt. Damit ist Bildbearbeitung von jetzt an ein pures Vergnügen.


Buchinfos:

Hardcover, Rheinwerk Design Verlag, vollfarbig illustriert, 394 Seiten






Philipp Barth
Das Buch für Ideensucher
Denkanstöße, Inspirationen und Impulse für Kreative

Dieses Buch ist ein feiner Kompass, der durch das Chaos der kreativen Möglichkeiten führt, kein Einmalratgeber. Es liefert nicht nur Theorie, sondern gibt konkret und praktisch Tipps, die ganz auf den Alltag des Ideensuchers abgestimmt sind. Auf unterhaltsame Weise bietet Philipp Barth eine Fülle von Anregungen, verspricht ein Routine-Start-Programm, das nach einiger Übung abgerufen werden kann und lockert alles mit Beispielgeschichten von erfolgreichen Kreativen auf. Einblicke, in umgesetzte Ideen, die die Welt beherrschen, und dabei einst alles nur Keimlinge von Kreativen waren. Das macht Spaß und liest sich spannend. Anhand von Übungen, Techniken und Checklisten lässt sich das Erfahrene anwenden. Optisch anspruchsvoll gemacht, mit gelb markierten Sätzen, die Wesentliches herausheben, wirkt das Buch wie ein künstlerisches Notizbuch. Spätestens nach dieser Lektüre wird man vom Suchenden zum Ideenfinder, garantiert.

Buchinfos:
Hardcover, Rheinwerk Design Verlag, 285 Seiten


Tomi Ungerer
Warum bin ich nicht du?
Antworten auf philosophische Fragen von Kindern

Ein herrliches Buch, das keine Tabus kennt. Tod und Liebe, Gefühle wie Angst, Einsamkeit und Selbstsicherheit, Sachfragen, wer den Himmel gebaut hat oder ob Steine denken können kommen zur Sprache. Auf erstaunliche Fragen, erhält der Leser manchmal absurde, aber nie geschwätzige oder belehrende Antworten des Autors. Genau wie in seinen großartigen Kinderbüchern nimmt Ungerer die Kinder ernst, erinnert sich manchmal dabei an seine eigene Kindheit und erzählt. Man erfährt welche Kosenamen seine achtzigjährige Mutter ihm, der schon fünfzig war, gab. Gefragt hatte die neunjährige Rebecca, ob wir für unsere Eltern immer Kinder bleiben werden. Muss man groß sein, um erwachsen zu sein? Ungerer erzählt von einer Kleinwüchsigen, die sich auf ein Podest stellte und rief: Nur weil ich klein bin, seid ihr noch lange nicht groß! Oder der siebenjährige Alexandre will wissen, ob man aus Liebe sterben kann. Ungerer sagt darauf, dass wir nur die Macht haben, ein einziges Leben der Leere und dem Nichts zu entreißen, nämlich das eigene, für das man selbst verantwortlich ist. So lässt sich sogar der Tod besiegen.
Hinten im Buch gibt es ein Themenregister, das die herrlichen Fragen noch einmal auflistet. Ein großes Lesevergnügen, das mit Ungerers Illustrationen zusätzlich bereichert wird.

Buchinfos:
Hardcover, Diogenes Verlag, 192 Seiten


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